Archiv für den Monat: September 2014

#27

Es sieht wie ein normaler Montagmorgen aus, weil ich das tue, was ich jeden Montagmorgen tue. Ich stehe zu früh auf, bewege mich zu langsam & habe dann Mühe, nicht zu spät zum Zug zu kommen. Ich fahre nach Leipzig, im gleichen Zug wie immer & ich höre ich dieselben Lieder wie sonst. Dabei ist alles neu heute, das sieht man nicht, aber das fühle ich sehr deutlich. Gleich werde ich in ein neues Büro gehen in eine neue Firma zu neuen Leuten, um andere Dinge zu tun als bisher. Ich wusste nicht, dass sich Vorfreude so ähnlich anfühlt, wie die Panik vor meiner dritten Fahrprüfung. Immerhin, damals habe ich bestanden.

#26

Wenn Kinder fragen, ob sie meine Hündin streicheln dürfen, sage
ich nein und frage zurück, ob sie sich selbst von Wildfremden streicheln lassen
würden. Klar ist ja wohl: Wenn der Finger ab ist, oder die ganze Hand, bin ich
Schuld und nicht das übergriffige Kind. Eine Antwort bekomme ich darauf nie,
aber immerhin haben meine Hündin und ich dann unsere Ruhe. Außer heute. Heute
verkündete die kleine Viviane: „Ich will aber!“ Tja, so ist das im Leben, kleine
Viviane, dachte ich. „Man bekommt aber nicht immer was man will im Leben,
Viviane.“, sagte Vivianes Mutter, als sei sie eine Seelenverwandte. „Hm.“, sagte
Viviane, „ist irgendwie ganz schön doof, das Leben. Oder?“ Vivianes Mutter warf
lachend den Kopf in den Nacken und ich senkte den Blick und ärgerte mich über
meine Borniertheit.

#25

Die aufgehende Sonne und der schwindende Nebel spielen goldener Morgen, aber der Bass aus dem Club am Fuß der Brücke grätscht dazwischen und spielt Nacht. Meine Hündin weicht elegant einer Pfütze aus Erbrochenem aus und ich denke an die 90er und was ich mir damals erträumte. Die beschlagene Scheibe eines am Straßenrand parkenden Autos wird heruntergefahren und man nennt mich Dirk. Dirk Wedeking oder Wiedeking oder Alter. Ein dünnes Mädchen steigt aus und bejubelt kreischend mein krasses Set. Ein lockiger Junge steigt aus, ruft derbe!, und fragt, scheiße!, ob ich einen Stift hätte. War dein Hund – voll süß! – die ganze Nacht im Auto, fragt das Mädchen. Ey, bitte, unterschreibst du hier, fragt der Junge. Der Hund lag am Fußende des Bettes, in dem ich schlief, sage ich. Du bist nicht Dirk, fragt das Mädchen. Alter, du siehst aus wie Dirk, sagt der Junge. Ich schüttele mit dem Kopf und grinse und denke, so könnte mein Leben also sein, wenn ich in den 90ern tatsächlich DJ geworden wäre.

#24

Als der Standortleiter in den Saal fragt: „Und, wie ist die Stimmung?“ und einige Sekunden lang niemand antwortet, rufe ich „Gibt es noch Sekt?“ Weil Gelächter im Saal ausbricht, bekomme ich einen roten Kopf und der Standortleiter auch. Aber bei den Phrasen, die noch vor einigen Sekunden gedroschen wurden um anzumoderieren, warum es ganz toll sei, sich heute von einem Drittel der Belegschaft zu trennen, kommt mir ein zünftiger Alkoholrausch wie der einzige Ausweg vor. Ich gehöre zu diesem Drittel und anders als der Standortleiter finde ich, dass die Situation sehr wohl der richtige Moment für eine sentimentale Ansprache gewesen wäre. Ich trinke zwei Saftgläser voll Sekt und bin den Rest des Arbeitstages damit beschäftigt, nicht die Fassung zu verlieren. Als sie Uhr unten rechts auf 16:30 springt, rülpse ich. Dann gehe ich nach Hause.

#23

Ich steige aus der Dusche und greife nach seinem Handtuch, aber es ist eine Enttäuschung. Ebenso wie ich nach diesem sonderbaren Pfefferminzduschgel rieche, roch er nicht nach sich sondern nach Pfefferminz, als er aus der Dusche stieg. Im Handtuch ist keine Spur von ihm, bedaure ich, und dann schiebt meine Zunge ein Haar zwischen meinen Lippen hervor, das so dunkel ist, dass es nur von ihm sein kann.

#22

Sie nennen es See, aber in Wirklichkeit ist es eine Narbe. Das Loch, das nach dem Wegbaggern von Dörfern blieb, wurde mit Wasser gefüllt: fertig ist das Naherholungsgebiet. Der Erholung ist heute leider nicht nahezukommen. Es regnet und wir halten unsere Blicke auf unsere Schuhe gerichtet, die bis zum Schaft im Schlamm versinken. Schön ist, dass mir zum ersten Mal jemand beim Pinkeln den Schirm hält.

#21

Ich rede mir ein zu Schreiben, während ich in Wirklichkeit im Internet surfe. In sieben Tagen soll ich einen Text veröffentlichen, von dem es augenblicklich nicht mal die erste Zeile gibt. Sieben Tage sind viel Zeit, denke ich erst, aber dann rechnet mein innerer Buchhalter mir vor, dass ich von diesen sieben Tagen höchstens 3 Stunden täglich fürs Schreiben verwenden kann. Dann drückt diese Panik von unten, der ich zu misstrauen gelernt habe, weil sie immer falsch lag. Bisher. Ich bin nicht uninspiriert. Ich bin unkonzentriert. Und es wird schlimmer.

#20

Der Parkplatz am Seeufer ist weit und ich wundere mich über dieses einzelne, schlechht geparkte Auto an dessen Rand. Aber weil ich ins Gespräch vertieft bin, achte ich nicht weiter darauf. Erst, als ich an der Kühlerhaube vorbeilaufe, bemerke ich den ältlichen, dicklichen Mann am Steuer. Ich wundere mich über den weit zurückgefahrenen Sitz und die fast in Liegeposition gebrachte Lehne. Erst dann kapiere ich und wende mich ab. Ich höre, wie sich hinter mir die Autotür öffnet, ich höre eine Gürtelschnalle klappern, ich höre lautes Atmen. Ich kann nicht anders: Ich sehe wieder hin. Der Mann steht neben seinem Auto. Zwischen Brust und Knien ist er nackt. Er grinst. Ich bleibe stehen und glotze. Ich kapiere was das ist, aber nicht, was es soll. In Gedanken versuche ich, eine Frage zu formulieren. Meine Hündin schlägt an und zwar heftig. Ich zerre sie weg.

#19

Auf dem Rückweg vom Baum zum Auto höre ich ein Klimpern in meiner Hosentasche, das da nicht hingehört. Zwei Sekunden später baumelt ein großer Metallriegel in meiner Hand und daran ein silberner Schlüssel. Der passt zu unserem Zimmer in der kleinen Pension, aus der wir vor 3 Stunden abgereist sind. Das nächste Postamt ist in Sichtweite; wir finden das keinen Zufall. Die Wirtin auch nicht. Am Telefon lacht sie, dass wir den Schlüssel doch nur mitgenommen hätten, weil wir nächstes Jahr wiederkommen wollen. Vielleicht.

#18

Als wir bei unserer dirndltragenden Wirtin die Rechnung für die letzten Tage begleichen wollen, kommt sie doch noch, diese Frage. Nicht von der Wirtin selbst, sondern von ihrer blaulockigen Mutter, mit der wir bisher kein Wort gewechselt haben. „Wie g’herts ihr oingtlich z’samme?“ Die Wirtin grinst panisch, ich rolle mit den Augen, Heiko lächelt und macht ein langes „Tjaaa…“ zum zeitgewinnen. „Wir sind ein Liebespaar.“, sagt er dann. „Aso“, sagen die Wirtin und ihre Mutter. „Genau.“, sage ich, aber ich denke „Verdammt: Ja!“ Es vergehen ein paar stille Sekunden, dann wird weiter gerechnet.