Archiv für den Monat: Oktober 2014

#34

Rosi, Nachbarin, 74. Ich, Nachbar, 34.

Rosi: “Was machstn du am ersten Advent?” – Ich: “Wann? Ähm. Keine Ahnung.” – “Na, weil ich am ersten Advent Stollen backe.” – “Ja. Ähm. Aha.” – “Und da brauche ich dich.” – “Oh. Und wozu?” – “Na zum Teig kneten. Ich schaffe das nicht mehr. Hat dir das Dings nicht erzählt?” – “Nicht, das ich wüsste.” – “Wenn du den Teig nicht knetest, haben wir keine Stolle.” – “Gut. Sagst du zwei Wochen vorher nochmal Bescheid?” – “Klar. Aber du musst deine Arme rasieren.” – “Ich muss was?” – “Na deine Arme! Da bleibt doch der ganze Teig kleben. Und dann haben wir deine Armhaare in der Stolle. Ist doch eklig.” – “Und wenn ich Handschuhe-“ – “Handschuhe bis zu den Ellenbogen? Du hast noch nie Stollen geknetet, oder?” – “Korrekt.” – “Entweder bist du am ersten Advent hier und hast rasierte Arme, oder-“ – “… oder wir haben keine Stolle.” – “Korrekt.”

#33

Es riecht ein bisschen nach Schweiß, als der Typ aus der Kabine kommt und an mir vorbei zum Waschbecken geht. Wir sind auf einer Herrentoilette in einem Studentenclub, denke ich, wie soll der Typ schon riechen. Ich sehe, wie er versucht, sich die Hände zu waschen und er sieht wahrscheinlich, wie ich versuche zu pinkeln. Wir grinsen. Der Wasserhahn ist so eingestellt, dass nur in der Sekunde Wasser aus ihm fließt, in der man auf ihn drauf drückt. Genau dann kann man sich allerdings nicht die Hände waschen – man hat ja nur eine Hand frei. „Gar nicht so einfach mit der Hygiene, ne?“ sage ich, als ich hinter ihm am Waschbecken stehe und finde mich doof. Er sieht mich an, befeuchtet sich die Lippen, tritt einen Schritt zur Seite, hält den Hahn gedrückt und sagt: „Los!“ Ich lache und wasche mir komfortabel die Hände. Danach wechseln wir. „Das erste Mal, dass du jemandem auf dem Klo den Hahn gehalten hast?“ frage ich beim Abtrocknen und finde mich anzüglich. Er lacht laut und hat schöne Zähne.

#32

Salafistenbärtchen, denke ich. Und dann denke ich: Bitte was? Ich versuche, wenig Schlechtes über Menschen zu denken, aber da ich viel über Menschen denke, ist auch Schlechtes dabei. Und als mein Blick auf den jungen, arabisch aussehenden Mann fällt, der gerade eingestiegen ist, denke ich eben: Salafistenbärtchen. Ich will mich korrigieren, aber ich bleibe dabei. Es ist nicht nur seine Kinnbehaarung, sondern seine ganze Haltung. Wie er seine Schultern spannt und ein breites Kreuz macht, wie seine Füße etwas mehr als hüftbreit auseinander im Boden verschraubt zu sein scheinen, wie er jeden, der einsteigt aufmerksam mustert. Und vor allem: Welcher Ausdruck dabei aus seinem Gesicht spricht: Gefühlte Überlegenheit. Aber wieso? Weil er das Richtige glaubt, und ich gar nichts, nicht einmal das Falsche? Weil er ein Wolf ist und mich für ein Schaf hält? Weil er steht und ich sitze? „Guten Tag!“, ruft er, nachdem sich die Türen der S-Bahn geschlossen haben. „Ihre Fahrausweise bitte!“ Verdutzt fummele ich mein Handyticket auf. Das Einscannen dauert ein bisschen. Ich merke, wie ich rot und nervös werde und er merkt es auch. „Ist doch alles okay.“, sagt er überrascht. „Findest du?“, murmele ich und wende mich verschämt ab.

#31

Ich habe eine Trauerkarte zu schreiben, aber wie schreibt man eine Trauerkarte? Die Schatten des Birkenlaubs tanzen wie wild auf dem weißen Papier; draußen findet ein fabelhafter Herbsttag statt. Hier drin hingegen verharrt die Spitze meines Kugelschreibers seit Minuten reglos über der Seite. Die Worte „aufrichtig“, „Beileid“ und „Verlust“ möchte ich vermeiden, sie können nicht mehr als ein Schulterzucken bedeuten. Ich versuche mich an Trauerkarten
zu erinnern, die ich erhalten habe. Eine einzige fällt mir ein. Sie erreichte mich nach dem Tod meiner Mutter. Eine Nachbarin hatte hinein geschrieben: „Die Mutter war’s. Was braucht’s der Worte mehr?“ Das fand ich gut. Sterben ist beschissen. Übrigbleiben ist noch beschissener. Was soll das ganze Geschwurbel?

#30

Ich stehe vorm Spiegel und finde mich völlig ungefährlich. Ich sehe jungenhaft aus und kultiviert im Sinne von harmlos. Ich versuche, böse zu kucken, aber es wird nicht viel besser, vielleicht auch, weil eine Zahnbürste in meinem Mundwinkel hängt. Trotzdem: Wahrscheinlich hatte ich Glück gestern Nacht: Ich fahre mit meiner Hündin in der U-Bahn nach Hause und in Jungfernheide steigt ein Typ ein. Größer als ich, muskulöser als ich, arabischer Phänotyp. Er stiert auf sein scheiß Handy und tritt meine Hündin, die jault. Den Typ interessiert das kein bisschen, er läuft einfach weiter, ohne wenigstens mal aufzusehen. „Mann!“, rufe ich ungezügelt, „Haste keene Oogn im Kopp?“ Als ich mich so hilfsberlinern höre, fällt mir ein, dass ich betrunken bin. Der Typ bleibt stehen, dreht sich langsam zu mir um, schiebt seine dunklen Augenbrauen zusammen und ruft „Fick deine Mutter!“ durch den halben Waggon. „Zuerst ficke ich dich in deinen kleinen, engen Arsch!“, höre ich mich zurückbrüllen, noch bevor seine Beleidigung verhallt ist. Ah, das meinen sie also, wenn sie sagen, Alkohol enthemmt, denke ich dann. Und: Wenn der jetzt kommt und meine Brille kaputt macht, bin ich geliefert. Und: Sei froh, wenn er nur deine Brille kaputt macht und nicht deine Zähne. Und dann noch: Lieb von dir, Hündchen, dass du dich ablegst und so tust als seist du aus Plüsch, während ich hier eine dicke Lippe für dich riskiere.
Der Typ starrt mich an. Ich starre zurück. Meine Augen brennen noch vom Zigarettenrauch aber ich. Werde. Nicht. Zwinkern. Der Typ nimmt eine Hand von seinem Handy und macht eine Faust. Ich bin unsicher, ob mich das ängstigt oder belustigt. Erst in dem Moment, in dem er seinen Blick abwendet und seine Faust ansieht, weiß ich, dass ich gewonnen habe. Er sieht wieder mich an und bewegt seine Lippen, aber ich höre nichts. Dann winkt er ab, dreht sich um und setzt sich mit dem Rücken zu mir irgendwo ins andere Ende des Waggons.
Ich habe einer macht-sexistischen Beleidigung mit einer homophoben macht-sexistischen Beleidigung pariert. Ich hatte schon befriedigendere Triumphe.

#29

Ich mag Menschen. Ich bin ein freundliches Gemüt und erkenne in jedem Gesicht etwas Liebenswertes, Hübsches, Anziehendes usw. usf. Dieses Philantropie-Relais in meinem Kopf kriegt allerdings ein bisschen zu viel Strom und deshalb setzt es manchmal für ein paar Minuten aus. Wenn das passiert, während ich mich in einer U-Bahn irgendwo unter Berlin aufhalte, kriege ich Panik. Ich sehe einen Mann mit einer riesigen Warze am Kopf, genau an der Stelle, an der man sich einen Kopfschuss verpassen würde. Ich verstehe nicht, wie Menschen Warzen in ihren Gesichtern dulden können. Ich sehe eine Frau eine Pizzazunge essen, und wie sie den auf ihren Lippen klebenden Käse mit den Zähnen in den Mund zieht, ekelt mich an. Ich muss mir vorstellen, wie sie mit ihren Käsefingern gleich eine Haltestange anfässt und wie viele Menschen die Haltestangen mit was weiß ich für Fingern vor ihr schon angefasst haben. Ich rieche Mundgeruch und Furzgeruch und Urin und als ich mich umdrehe und den Obdachlosen sehe, der mir sein Becherchen unter die Nase hält, muss ich weglaufen. Ich laufe zur nächsten Tür und zur übernächsten und der Obdachlose guckt entgeistert und ich gucke auf den Boden. Ich bin heilfroh, dass der Zug gerade hält und ich schnell aussteigen kann, damit mich die Gedanken der anderen Reisenden bezüglich meiner respektlosen Unhöflichkeit gegenüber Obdachlosen nicht mehr treffen. Auf dem Bahnsteig riecht es nach Crêpes und ich denke, verdammt, alles was gegessen wird muss auch geschissen werden und ich brauche frische Luft. Über Tage lehne ich mich an einen Baum. Dann geht es wieder.

#28

Ich sitze im Zug und will schreiben. Ich muss schreiben. Und ich kann schreiben, ich habe meinen Rechner dabei. Ich klappe ihn auf und schreibe. Aber es ist Freitagnachmittag, und der Zug ist voll, manche müssen sogar stehen. Mir ist plötzlich, als würde ein zweiter Cursor in meinem Dokument auftauchen und zwar genau dort wo die Augen des Mädchens neben mir gerade durch meinen Text scrollen. Ich stelle die Helligkeit meines Bildschirms auf minimal, aber das Mädchen kann meinen Text immer noch lesen. Und sie liest ihn, ich sehe das genau. Der Mädchencursor jagt meinen Cursor und als er ihn fast eingeholt hat, fange ich an, Obszönitäten zu schreiben. Ich schreibe von Schwänzen und Ärschen und von wilder Vögelei. Ich schreibe über Körperflüssigkeiten und verklebte Haare. Ich schreibe über wunde Knie. Zwei Seiten. Ich kapieren nicht, warum. Es ist ein Akt der Aggression, soviel ist mir klar, aber dass es mir nicht so peinlich ist, wie es müsste, verstehe ich nicht. Der Mädchencursor kollidiert mit meinem, ich bin nicht so schnell, der Zug wackelt und außerdem habe ich mich noch nicht so richtig an die Tastatur gewöhnt, der Rechner ist neu. Das Mädchen wendet sich ab und kramt in ihrer Tasche. Endlich habe ich sie verschreckt, denke ich. Ich spähe hinüber zu ihrem Buch, aber weil ich so furchtbar diskret bin, erkenne ich nur den in fetten Lettern gesetzten Titel. „Lust“. Ich habe sie nicht verschreckt. Ich habe sie gelangweilt.