#49

Als wir in die U-Bahn steigen, drängt sich eine energische kleine Frau zwischen uns. Du setzt dich ans Ende des Wagens, wo die Hündin gut liegen kann, ich setzt mich schräg gegenüber zwischen zwei über ihre Handys gebeugte Männer. Wir akzeptieren die Herausforderung. Das Spiel beginnt, die Regel ist bekannt: Wir kennen uns nicht.

Nach zwei Stationen streifen sich rein zufällig  unsere Blicke. Ich lächle deinen Hund an, aber als ich aufsehe und deinen Blick kreuze, schalte ich von kindlich-fröhlich auf seriös-erwachsen, alle Fremden machen das so. Du musterst die anderen Fahrgäste, ich mustere dich. Du bist hübsch. Du siehst freundlich aus. Klug. Zärtlich. Du weißt dich zu kleiden. Langsam, versonnen befeuchtest du deine Lippen. Da schaue ich in die andere Richtung und lese die Promi-News auf dem Bildschirm an der Decke. Ich spüre, wie du mich ansiehst. Ich korrigiere meine Haltung, ich will erwachsen, unabhängig und interessant auf dich wirken. Ich lege mir einen Knöchel aufs Knie, es soll auch ein bisschen männlich sein. Als ich dich plötzlich wieder ansehe, hältst du meinen Blick. Deine Augen sind bunt und wenn man das bemerkt hat, kann man nicht mehr aufhören, dich anzusehen. Du legst den Kopf ein bisschen schräg und hebst fast unmerklich die Brauen. Ich lächele dich an, es passiert unwillkürlich. Du lächelst zurück, feiner als ich. Du bist elegant. Ich würde dich gern kennenlernen.

#48

Hier stimmt was nicht, denke ich, und dann fällt mir auf, was: Meine Hündin geht Fuß, schon sei Minuten, obwohl sie nicht müsste. Ich sehe mich um und dann fällt mir auf, warum: Es gibt keine Kaninchen mehr, die sie jagen könnte, dabei wimmelt es hier von Kaninchen, schon immer. Vor meinem Haus erzählt mir die Nachbarin im Parterre von ihrem Balkon ins Beet aschend, was passiert ist. Heute Morgen haben drei junge Männer die Wiesen abgesperrt, eine nach der anderen, mit niedrigen Zäunen aus Draht. Dann habe ein untersetzter Mann ein Köfferchen in die Mitte der Wiese gestellt und sich umgesehen, bevor er es feierlich öffnete. Aus dem Koffer seien drei flinke Frettchen gesprungen. Wie die Wilden seien die Biester auf die Kaninchen losgegangen und hätten sie gejagt. Über die Wiese, in die Gebüsche, in ihre Baue und schließlich aus ihren Bauen heraus. Am Ende ihrer Flucht seien die Kaninchen gegen die Zäune geknallt und dort benommen liegen geblieben. Die jungen Männer hätten sie am Schlafittchen gepackt und eines nach dem anderen in große Kisten gesetzt. Dann hätten sie die Frettchen wieder ins Köfferchen getrieben und seien sie mit ihrem Transporter zur nächsten Wiese gefahren. Ob sie nicht protestiert habe, wollte ich wissen. Habe sie nicht, erklärte sie, regelmäßig hätten die Klopfer ihre Beete zernagt. Und die Fernsehkabel. Und die Rollen der Container im Müllhaus. Was passiert denn jetzt mit den Häschen, fragte ich mehr mich als sie. Die kommen in den Zoo, erfuhr ich, für die Schlangen. Ich seufzte. Fressen und gefressen werden, murmelte meine Nachbarin noch, bevor sie ihre Zigarette am Balkongeländer ausdrückte und in einen ihrer Blumenkästen steckte. Schönen Tag Ihnen noch! Aber. Ja.

#47

Congratulations, you now have access to unlimited cloud sotrage!, schrieben sie mir und ich machte mich an die Arbeit. Ich sehe meine Archive durch und entdecke drei Videos vom Sommer 2009.

Du und ich und die im Fahrtwind wedelnden Ohren der Hündin. Wir zuckeln die Karl-Marx-Alle runter, ich kommentiere die Einkaufsmöglichkeiten, du sagst, ich soll gefälligst auf die Hausnummern achten, die Besichtigung muss hier irgendwo sein.

Du und ich und die Hündin, die verstohlen die honigfarbenen Dielen entlang schnuppert weil es sonst nichts interessantes gibt für sie, in einer leeren Wohnung. Der Balkon ist auf einer Seite spitz und rund auf der anderen, stellst du fest, und dass wir hier nicht einziehen können, weil hier die Holzbank nirgends hinpasst, die ich dir geschenkt habe.

Wir drei in unserem Wohnzimmer, dass damals noch leer und ohne Tapete und Fußboden war. „Die ist es.“, sage ich. „Ja, oder?“, sagst du. Die Hündin liegt in einem Fetzen Sonne. Bis heute markiert die ihren Lieblingsplatz.

#46

„Diese Socken sind nicht zu retten, du musst das einsehen. Dieses Paar hat Löcher an beiden großen Zehen. Das hier ist vom Waschen so dünn geworden, dass ich deine Fersen sehen kann, wenn du sie anhast. Und beim linken Strumpf des dritten Paars ist das Bündchen so ausgeleiert, dass du ihn wie eine Wollwurst um den Knöchel trägst. Herz, du hast diese Socken, seitdem du aus der Bundeswehr ausgeschieden bist. Das ist 14 Jahre her!“

„Es sind gute Socken. Meine Lieblingssocken.“

„Es waren Socken. Es sind Lumpen. Ich habe recherchiert: Du kannst Bundeswehr-Ausrüstung im zivilen Internet bestellen, auch Socken. Auch die legendären T-Shirts. Auch diese unkaputtbaren Stiefel.“

„Spinnst du? Ich soll Bundeswehr-Ausrüstung kaufen? Hast du einen Uniform-Fetisch? Bist du für Kampfeinsätze?“

„Sind das hier deine Lieblingssocken?“

„Ja! Gib her!“

„Ich habe dir neue bestellt. Sechs Paar. Plus fünf T-Shirts. Kannst ja Friedenstauben drauf sticken.“

„Oh. Ähm. Menno. Danke.“

#45

Wir verbrachten sechs Stunden mit der Lösung eines Computerproblems, aber das Problem gewann. Wir sind raus, aber unsere Jacken hielten dem Regen nicht Stand. Wir wollten mit dem Bus zurück, der aber kam nicht. Zuhause hänge ich unsere Sachen zum Trocknen auf und du kochst Suppe. Dann sitzen wir in Unterhemden und Wollsocken am Esstisch auf dem eine Kerze flackert. Zwischen uns der große Suppentopf, es dampft und duftet. Weil der Tag auf Komfort verzichtete, verzichten wir jetzt auf Geschirr. Wir schlürfen die Nudeln direkt von der Kelle, eine du, eine ich. Unter dem Tisch hakelst du deine Füße zwischen meine. „Von der Seite sehen wir jetzt wie ein Herz aus.“ Du kicherst.

#44

Es klingelt. Ich bin genervt. Ich erwarte niemanden. Ich wäre gern einer von denen, dessen Tür seinen Freunden jederzeit offensteht, aber die traurige Wahrheit über mich ist: Ich habe sehr gern meine Ruhe. Und für heute Abend kein Essen bestellt. Auch kein Paket. Auch keine Zeugen Jehovas, die trauen sich bestimmt nie wieder, bei mir zu klingeln.

„Hallo?“, seufze ich in die Gegensprechanlage, unverständliches Geschrei gibt sie zurück. „Was?“, raunze ich? „Süßes, sonst gibt’s Saures!“, kapiere ich endlich. Augenblicklich hänge ich den Hörer auf.

Zurück an meinem Schreibtisch will ich weiterarbeiten, aber ich kann nicht. Ich stiere ich ein paar Sekunden aus dem Fenster in die Dunkelheit und frage mich, ob ich nicht vielleicht doch genau die Art Mensch geworden bin, die ich nie werden wollte. Na klar: Halloween. Amerikanischer Kulturimperialismus, zuckerindustriebefeuerte Dickmach-Karies-Maschine, seelenlose Konsumkacke. Aber doch auch: Kinder, die sich verkleidet haben, damit sich einmal die Erwachsenen vor ihnen fürchten und nicht umgekehrt.

Ich stürze zurück zur Gegensprechanlage und rufe „Hallo!“, aber am anderen Ende ist niemand mehr. Ich hätte sowieso nur Mikrowellenpopcorn im Angebot gehabt.

#43

Das Buch habe ihm gefallen, sagt Markus, er wolle sich noch einmal dafür bedanken, dass ich es ihm geschenkt habe. Welchen Witz diese Juli Zeh habe und welche Schärfe! Den Stil, den sie in ihren Poetik-Vorlesungen an den Tag legt, kenne man aus ihren Romanen ja gar nicht. Kassandra habe er ein paar Stellen vorgelesen, die sei auch restlos begeistert gewesen, freut er sich, aber er habe Mühe gehabt, ihren Wunsch abzuwiegeln, sich das Buch von ihm zu leihen. „Warum leihst du es ihr nicht?“, frage ich. „Hast du das nicht begriffen?“, fragt Markus. „Was?“ „Ich habe es dir doch per SMS geschrieben?“ „Was?!“ „Ich kann dieses Buch niemals verleihen. Es ist ein offizielles Dokument.“ „Was?! Ich verstehe gar nichts.“ In der Notaufnahme, erklärt Markus, kurz nach der Erstversorgung  und kurz vor der Nachuntersuchung, habe er an den Tod gedacht. Es war keine Angst, schildert er, sondern der Wunsch, vorher noch alles zu regeln. Ihm fiel ein, dass er kein Testament gemacht hatte. Er kramte in seiner Tasche. Einen Stift fand er schnell, aber kein Stück Papier. Also habe er, er sagt das kichernd, seinen letzten Willen auf die letze Seite von Juli Zeh’s Treideln gekritzelt, das hatte er noch in der Tasche, er hatte es ein paar Stunden vorher ausgelesen. Später habe er es dem Arzt gegeben, mit der Bitte, es zu seinen Akte zu legen. Nur für den Fall, dass.

#42

Ich sitze am Kaffeetisch mit meinen Freunden und kaue Schokostreuselkuchen, mein zweites Stück. Die Freundin lobt das feine Aroma des Kaffees, der Freund nickt anerkennend ob ihres feinen Geschmackssinns und erklärt, dass dies sehr wertvoller Kaffee von Java oder aus Kuba oder Ich-habe-schon-wieder-vergessen-woher sei. Von dessen anregender Wirkung auf das Herz kommt das Gespräch auf die Frage, welcher der beste Kardiologe der Stadt sei und welche Tricks es gäbe, vor nächstem Jahr Oktober einen Termin dort zu ergattern. Das Herz müsse mal gründlich untersucht werden, ist man sich einig, und auch ich stimme zu und ergänze noch, dass das unhöfliche, unfreundliche Gebaren des bisherigen Kardiologen eine Frechheit sei. Anschließend wird über Berufsunfähigkeitszusatzversicherungen gesprochen und die Risiken nicht abgedeckter Risiken. Einige Augenblicke halte ich meinen unruhigen Geist mit der Frage in Schach, was denn eigentlich mein Beruf sei. Dann setzt er mich matt und zwingt mein achtjähriges Selbst an den Tisch, das nun gelangweilt mit den Füßen über dem Boden baumelnd ermüdenden Erwachsenengesprächen zuhören muss. Als der Junge mich flehentlich ansieht und bettelt, ihm zu versprechen, dass wir niemals so werden, gebe ich ihm einen Keks und schenke Mangosaft nach.

#41

Ich liebe meine Hündin sehr, aber mit dieser Bernsteinkette sieht sie wie eine von den voluminösen, mittelalten Damen aus, die ihre feuerroten kurzen Haare mit riesigem extravaganten Schmuck im Dekolletee kombinieren.

Der Bernstein schützt vor Parasiten, sagst du, und weil du derjenige warst, der seine Freizeit in der letzten Woche mit der Reinigung sämtlicher Heimtextilien verbracht hat, erlaube ich mir keinen Widerspruch. Du argumentierst vorsichtshalber trotzdem: Der grobe Bernstein wird mit der Zeit vom Fell glatt geschliffen. Erstens wird dadurch das Fell elektrostatisch aufgeladen, was den Flöhen nicht gefällt und zweitens breitet sich so eine feine Harzschicht im Fell aus, die jene Flöhe, welche sich vor leichten Elektroschocks nicht fürchten, einfach austrocknet. Weil ich die Lippen schürze und die Augenbrauen zusammenschiebe, befielst du mir, gefälligst die Kundenrezensionen zum Halsband zu lesen: Zehnmal fünf Sterne.

Unser Hund ist acht geworden und zwar ohne Bernstein und ohne Flöhe, denke ich, aber weil mir der Gedanke gefällt, dass das Fell unserer Hündin künftig Bernstein schleift, sage ich: Ich sag ja nix.

#40

Ich drücke Markus immer, aber heute muss ich ihn auf seine stachlige Wange küssen. Die Maschine über ihm fängt sofort an gelb zu blinken, als ich ihn berühre, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig. Wenigstens klingelpiept sie nicht, andernfalls hätte ich offenen Streit mit ihr.

Ich erkläre Markus, wie er dieses Tablet bedienen muss um an meine eBooks zu kommen, dass er Tschick. zuerst lesen muss und wo der Stecker zum Aufladen hinkommt. Markus erklärt mir, was ein Herzkatheder ist, und dass man dadurch winzige Röhrchen aus geflochtenem Draht in Blutgefäße fädeln kann, um sie dort zu stabilisierenden Tunneln aufzublasen. Ich frage ihn, was er für Sachen macht, er weist mich daraufhin, wie seine Mutter zu klingen. Wir lachen.

Als wir wieder ernst sind sprechen wir über die Angst vor der Angst und die künftige Notwendigkeit der Vermeidung von Alleinesein. Herrndorf lehrt, setze ich an – und wäre mir eine harmlosere Fortführung des Satzes eingefallen, hätte ich sie gesprochen, aber so musste ich das sagen, was ich dachte, nämlich – Herrndorf lehrt, der Feind der Angst ist nicht allein Gesellschaft, sondern vor allem Arbeit und Struktur. Dann schweigen wir ein bisschen und hören den anderen Patienten im Zimmer beim Schnarchen zu.