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#44

Es klingelt. Ich bin genervt. Ich erwarte niemanden. Ich wäre gern einer von denen, dessen Tür seinen Freunden jederzeit offensteht, aber die traurige Wahrheit über mich ist: Ich habe sehr gern meine Ruhe. Und für heute Abend kein Essen bestellt. Auch kein Paket. Auch keine Zeugen Jehovas, die trauen sich bestimmt nie wieder, bei mir zu klingeln.

„Hallo?“, seufze ich in die Gegensprechanlage, unverständliches Geschrei gibt sie zurück. „Was?“, raunze ich? „Süßes, sonst gibt’s Saures!“, kapiere ich endlich. Augenblicklich hänge ich den Hörer auf.

Zurück an meinem Schreibtisch will ich weiterarbeiten, aber ich kann nicht. Ich stiere ich ein paar Sekunden aus dem Fenster in die Dunkelheit und frage mich, ob ich nicht vielleicht doch genau die Art Mensch geworden bin, die ich nie werden wollte. Na klar: Halloween. Amerikanischer Kulturimperialismus, zuckerindustriebefeuerte Dickmach-Karies-Maschine, seelenlose Konsumkacke. Aber doch auch: Kinder, die sich verkleidet haben, damit sich einmal die Erwachsenen vor ihnen fürchten und nicht umgekehrt.

Ich stürze zurück zur Gegensprechanlage und rufe „Hallo!“, aber am anderen Ende ist niemand mehr. Ich hätte sowieso nur Mikrowellenpopcorn im Angebot gehabt.

#42

Ich sitze am Kaffeetisch mit meinen Freunden und kaue Schokostreuselkuchen, mein zweites Stück. Die Freundin lobt das feine Aroma des Kaffees, der Freund nickt anerkennend ob ihres feinen Geschmackssinns und erklärt, dass dies sehr wertvoller Kaffee von Java oder aus Kuba oder Ich-habe-schon-wieder-vergessen-woher sei. Von dessen anregender Wirkung auf das Herz kommt das Gespräch auf die Frage, welcher der beste Kardiologe der Stadt sei und welche Tricks es gäbe, vor nächstem Jahr Oktober einen Termin dort zu ergattern. Das Herz müsse mal gründlich untersucht werden, ist man sich einig, und auch ich stimme zu und ergänze noch, dass das unhöfliche, unfreundliche Gebaren des bisherigen Kardiologen eine Frechheit sei. Anschließend wird über Berufsunfähigkeitszusatzversicherungen gesprochen und die Risiken nicht abgedeckter Risiken. Einige Augenblicke halte ich meinen unruhigen Geist mit der Frage in Schach, was denn eigentlich mein Beruf sei. Dann setzt er mich matt und zwingt mein achtjähriges Selbst an den Tisch, das nun gelangweilt mit den Füßen über dem Boden baumelnd ermüdenden Erwachsenengesprächen zuhören muss. Als der Junge mich flehentlich ansieht und bettelt, ihm zu versprechen, dass wir niemals so werden, gebe ich ihm einen Keks und schenke Mangosaft nach.