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#53

Von weitem sehe ich, wie der Mann in die Hocke geht. Aber anstatt sich die Schuhe zu binden, wie ich es erwartet hätte, breitet er die Arme aus. Im Gegensatz zu mir versteht meine Hündin das Zeichen sofort. Sie flitzt schnurstracks auf ihn zu. Ich habe den Impuls sie zurückzurufen, aber die Freude im Gesicht des Mannes bremst mich. Stürmisch begrüßt Milda den Mann, springt an ihm auf und leckt ihm das Kinn. Der Mann lacht laut, streichelt Sie und macht ein Tänzchen mit ihr. Nur ich bin irritiert über die selbstverständliche Vertrautheit; ich kenne den Mann nicht.

„Sie haben einen ganz tollen Hund, wissen Sie das?“, ruft er mir zu. „Ist das ein Rassehund? Nein? Aber er hat Charakter! Ist bestimmt noch sehr jung, oder? Nicht? Aber sehen Sie nur, wie er strahlt!“

Du strahlst, denke ich, du strahlst das Lächeln eines fröhlichen Jungen aus dem Gesicht eines blassen Mittvierzigers. Wer bist du?

„Sie müssen viel rausgehen mir ihr. Sie braucht viel Bewegung. Sehen Sie, ich habe mal 100 Kilo gewogen, da haben die Schwestern gesagt, ich muss abspecken. Also habe ich mir angewöhnt, nach jeder Mahlzeit eine halbe Stunde zu verdauen und dann eine Stunde lang spazieren zu gehen. Nach drei Monaten habe ich nur noch 70 Kilo gewogen. Da haben die Schwestern gesagt, so geht’s aber nicht, ich müsse dringend wieder zunehmen. Also habe ich angefangen, jeden Tag eine Tafel Schokolade zu essen. Jeden Tag, eine ganze Tafel, stellen Sie sich das vor! Und wissen Sie, wie viel ich nach einem Monat zugenommen hatte? 300 Gramm. Nach 30 Tafeln Schokolade! Naja, Sie interessiert das nicht, Sie sind schlank. Aber ihr Hund braucht die Bewegung. Ihr Hund ist sehr besonders!“

Du bist besonders, denke ich, deine Hände zeichnen alles was du sagst in die Luft und dein ganzer Körper geht mit, wie beim Ballett.

„Sie müssen mir das glauben, Ihr Hund ist ein Glückshund. Ich bin nicht verrückt, oder so, ich kann mich nur nicht so gut anpassen. Aber das macht nichts. Ich wohne gern hier. So nah am Wasser und so schön. Und das Größte ist: ich brauche nicht zur Arbeit. Sie müssen bestimmt immer arbeiten, oder? Machen Sie sich nichts draus. Gehen Sie immer schön mit Ihrem Hund spazieren. Nach der Arbeit, vor der Arbeit, immer. So ein schöner Hund! Der wird Ihnen Glück bringen. Noch viel Glück!“

„Ihnen auch! Ihnen auch viel Glück, meine ich. Und Danke! Danke, dass Sie das gesagt haben.“

Der Mann ist schon weitergegangen, ich sehe ihm noch eine Weile nach. Milda auch. Erst als sich die Automatiktür zum betreuten Wohnen hinter ihm schließt, kommen wir wieder zu uns.

#41

Ich liebe meine Hündin sehr, aber mit dieser Bernsteinkette sieht sie wie eine von den voluminösen, mittelalten Damen aus, die ihre feuerroten kurzen Haare mit riesigem extravaganten Schmuck im Dekolletee kombinieren.

Der Bernstein schützt vor Parasiten, sagst du, und weil du derjenige warst, der seine Freizeit in der letzten Woche mit der Reinigung sämtlicher Heimtextilien verbracht hat, erlaube ich mir keinen Widerspruch. Du argumentierst vorsichtshalber trotzdem: Der grobe Bernstein wird mit der Zeit vom Fell glatt geschliffen. Erstens wird dadurch das Fell elektrostatisch aufgeladen, was den Flöhen nicht gefällt und zweitens breitet sich so eine feine Harzschicht im Fell aus, die jene Flöhe, welche sich vor leichten Elektroschocks nicht fürchten, einfach austrocknet. Weil ich die Lippen schürze und die Augenbrauen zusammenschiebe, befielst du mir, gefälligst die Kundenrezensionen zum Halsband zu lesen: Zehnmal fünf Sterne.

Unser Hund ist acht geworden und zwar ohne Bernstein und ohne Flöhe, denke ich, aber weil mir der Gedanke gefällt, dass das Fell unserer Hündin künftig Bernstein schleift, sage ich: Ich sag ja nix.

#15

Ich werde wach, weil mein Mann meinen Namen ruft. Aber er liegt nicht neben mir sondern steht unten vorm Balkon. Der Morgen dämmert, ich stolpere nach draußen und erfahre, dass die Hündin Durchfall hat und ein bisschen davon im Treppenhaus liegt. Ich beginne den Tag damit, in Shorts und auf allen Vieren Hundekacke im Pensionsfoyer aufzuwischen. Guten Morgen.