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#67 (Phänomenologie)

Das soll doch ein Roman sein, denke ich, noch dazu ein guter, warum muss ich mich dann durch seitenweise Abhandlungen über Phänomenologie quälen und Worte wie Schisma und Apprehension aushalten, obwohl man die Dinge doch viel einfacher beschreiben könnte – pardon – kann. Ich schließe die Augen, auch weil mich die Sonne blendet und muss trotz allen Anspruchs an mich und das intellektuelle Training, das mit der Lektüre dieses Buches verbunden ist einsehen, dass meine Augen gern geschlossen bleiben wollen. Ich lege das Buch beiseite und ziehe mein T-Shirt aus. Ich knülle es zu einem Kissen zusammen und lass mich langsam zu Seite kippen. Ich falte mich ein bisschen und liege schließlich nur noch mit Unterhosen bekleidet auf der Bank auf unserem Balkon. Ich werde kurz wach, weil ich denke, mir hättest du mir die Hand auf die Wange gelegt, aber es ist nur die Sonne. Ich bin kurz versucht, die Augen zu öffnen, um mich zu vergewissern, dass es wirklich das Rauschen in den Kronen der Bäume ist und kein Meer, an das ich mich so lebhaft erinnere, dass ich es zu hören glaube. Ich muss beinahe kichern, als mir die erste Böe des Windes über die nackten Beine fährt und mich kitzelt. Ich weiß nicht, wann ich mir zuletzt Zeit genommen habe, Wind so zu spüren. Er ist impulsiv heute, aber sanft. Chaotisch, aber warm. Er ist klar, aber er riecht nach Sommer. Mir ist, als würde ich am Strand im flachen Wasser liegen, wo mich die Wellen immer wieder überspülen, fast zärtlich. Ich überlege, wie ich dir nachher davon erzählen kann und staune, wie schwer das ist. Phänomenologen wollen die Dinge so beschreiben, wie sie sind. Aber ich vergleiche. Alle vergleichen. Nur: Der Wind auf meiner Haut ist der Wind auf meiner Haut und das Meer ist das Meer. Ich stehe auf, um den Platz frei zu machen für dich. Ich weiß nicht, ob sich der Wind auf deiner Haut genauso anfühlt wie auf meiner. Aber hoffentlich so ähnlich.