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#35

„Sehen Sie nur! Sehen Sie nur!“, flüstert die Frau in mein Ohr, nachdem ich meine Kopfhörer abgesetzt habe. Ich reibe mir die Augen und brauche eine Sekunde um zu realisieren, wo ich bin (im ICE irgendwo bei Wittenberg) und wann jetzt ist (Freitagnachmittag auf dem Weg nach Hause). Ich starre die Frau an (kurze, gelockte, dunkelblonde Haare, Brille mit Goldrahmen, Lippenstift in koralle) und erwarte eine Erklärung dafür, warum sie mich so unvermittelt auf freier Strecke weckt (Pieksefinger, Schulter).  „Was denn los?“, frage ich mit vom Schlaf belegter Stimme, woraufhin die Frau ihren Pieksefinger mit gleichem Eifer gegen das Zugfenster richtet. „Wow!“, entfährt es mir, als ich den kräftigen doppelten Regenbogen sehe, der irgendwo über dem Zug aus dem Himmel fährt und mitten in einem Dorf entlang der Bahnstrecke sein Ende findet. „Das dürfen Sie doch nicht verpassen!“, sagt die Frau entschuldigend. „Nein. Ja. Danke. Wahnsinn.“, sage ich. Ich bin immer noch sehr verschlafen. „Ich sage auch danke.“, erklärt die Frau. „Ich sage ‚Danke Natur'“, fügt sie an. Und während wir im Bauch des Schienenfahrzeugs mit 160 Kilometern pro Stunde in die Hauptstadt schießen, sind wir in den folgenden Minuten gemeinsam ein bisschen traurig darüber, wie sehr sich unser grauer Alltag von seinem regenbogenfarbenen Ursprung entfernt hat.