{"id":260,"date":"2022-09-29T12:16:00","date_gmt":"2022-09-29T11:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=260"},"modified":"2022-10-01T12:23:40","modified_gmt":"2022-10-01T11:23:40","slug":"73-die-ungeduld-des-verwoehnten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=260","title":{"rendered":"#73 Die Ungeduld des Verw\u00f6hnten"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich sitze beim Arzt. Keine Notaufnahme, kein Notfall, mir tut nichts weh. Aber ich koche vor Wut. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe einen Termin f\u00fcr eine Impfung. Ich bin privilegiert genug, w\u00e4hrend der Arbeitszeit einen Arzttermin wahrnehmen zu k\u00f6nnen, dessen Zweck es ist zu verhindern, dass ich mir in Zukunft eine Krankheit einfange, vor der ich mich auch durch Anpassung meines Verhaltens sch\u00fctzen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um Affenpocken. Ich bin homosexuell, ich schlafe mit mehr als einem Mann, ich geh\u00f6re zur Risikogruppe. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Termin h\u00e4tte vor 70 Minuten stattfinden sollen. Keine der Personen, die im Wartezimmer sa\u00df, als ich platz nahm, sitzt da noch. Alle anderen wurden bereits aufgerufen. Ich scrolle zum dritten Mal durch meine Apps, aber ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. In der Praxis arbeiten zwei \u00c4rzte und derjenige, bei dem ich bestellt bin, schafft einen Patienten, w\u00e4hrend der andere Arzt drei behandelt. Ich stehe auf, laufe einmal im Wartezimmer auf und ab, komme mir bl\u00f6d deswegen vor, schenke mir ein Glas Wasser ein, leere es, laufe zur\u00fcck zu meinem Stuhl und setze mich wieder. Ich wippe nerv\u00f6s mit den Beinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe in einem Land, dass Affenpocken-Impfstoff bestellt und daf\u00fcr sorgt, dass er Mitgliedern von Risikogruppen in den Arm gespritzt wird &#8211; falls diese das wollen. Bezahlt wird der Impfstoff von der Allgemeinheit, auch der Arzt, das geheizte Wartezimmer und die saubere Spritze. Ich lebe in einem Land, in dem es Mitgliedern einer Risikogruppe nicht unangenehm sein muss, Mitglied einer Risikogruppe zu sein, auch dann nicht, wenn das Risiko ihrem eigenen Verhalten entspringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist mir bewusst. Aber. Ich kann nicht umhin, es unfassbar unversch\u00e4mt zu finden, mich hier 70 Minuten warten zu lassen &#8211; schlie\u00dflich habe ich einen Termin. Wozu mache ich Termine, wenn ich dann trotzdem 70 Minuten warten muss? Ist das eine Praxis f\u00fcr Erwerbslose oder Rentner oder Privatiers, die es einrichten k\u00f6nnen, au\u00dfer diesem Arzttermin keinen weiteren Termin an diesem Tag zu haben? Ist das eine Praxis, die die Lebenszeit ihrer Patienten wertsch\u00e4tzt? Ist das eine Praxis in der \u00c4rzte ihr verk\u00fcmmertes Sozialleben mit belanglosem Geplauder mit attraktiven Patienten aufzuh\u00fcbschen versuchen? Eine gut organisierte Praxis ist das jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche mich zu beruhigen. Ich atme, ich z\u00e4hle, ich beruhige mich nicht. Ich versuche, etwas auf meinem Telefon zu lesen, aber ich interessiere mich f\u00fcr nichts. Ich stehe auf und laufe noch eine Runde durchs Wartezimmer. Die anderen Patienten &#8211; korrigiere: Wartenden &#8211; sehen auf und wieder ab, mir egal, was die denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich laufe zur Rezeption und frage, ob alles seine Richtigkeit hat und ob ich nicht schon l\u00e4ngst h\u00e4tte dran sein m\u00fcssen. Ich bin freundlich aber klar, der Rezeptionist in der gr\u00fcnen Satinbluse ist verst\u00e4ndnisvoll und bem\u00fcht. Ich sei der n\u00e4chste. Es tue ihm alles sehr leid.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setze mich wieder und wippe weiter nerv\u00f6s mit den Beinen. Tats\u00e4chlich habe ich einen dienstlichen Termin in 40 Minuten, aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich den absagen, wie man die meisten Gesch\u00e4ftstermine einfach absagen kann, niemand stirbt, die Welt dreht sich weiter. Meine Gesundheit sollte mir doch das wichtigste sein, versuche ich mir einzureden um mir im gleichen Moment zuzuzischen, dass mir meine Gesundheit ganz offensichtlich bereits das wichtigste ist, andernfalls w\u00e4re ich ja nicht hier. Wie privilegiert ich bin, \u00fcberhaupt eine Impfung bekommen zu k\u00f6nnen, denke ich, als der Arzt aus seinem Behandlungszimmer kommt und einen anderen Patienten aufruft &#8211; nicht mich. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich laufe wieder zur Rezeption, ich muss es, es passiert, als sei ich dampfbetrieben und der Druck m\u00fcsse irgendwo hin. Ich erkl\u00e4re dem Rezeptionisten in der gr\u00fcnen Satinbluse, dass ich in 25 Minuten gehen werde &#8211; ob mit oder ohne Impfung. Und erst als ich das ausspreche wird mir klar, dass das niemandem schaden w\u00fcrde au\u00dfer mir selbst. Der Rezeptionist ist aber gn\u00e4dig und macht ein sehr schuldbewusstes Gesicht. Nun sei ich aber wirklich der N\u00e4chste, versichert er mir. Ob wir das alles in 25 Minuten \u00fcberhaupt noch schaffen k\u00f6nnten, will ich wissen. Sicher, das k\u00f6nnen wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt kommt aus dem Wartezimmer und begleitet seinen Patienten zur Rezeption. Ich kann nicht verstehen, was der Rezeptionist mit dem Arzt bespricht, aber gegen Ende des Gespr\u00e4ches verstehe ich doch ein Wort: Meinen Nachnamen. Auf dem Weg in sein Behandlungszimmer wiederholt ihn der Arzt. Ich bin aufgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme gar nicht dazu, meiner Frustration Ausdruck zu verleihen, weil sich der Arzt insgesamt dreimal bei mir entschuldigt. Konnte seinem Anspruch nicht gerecht werden. Normalerweise h\u00f6chstens 15 Minuten, allerh\u00f6chstens 20. Er bitte vielmals um Verzeihung. Vielmals. Verzeihung. Pl\u00f6tzlich f\u00fchle ich mich wie der misratene Sohn der Prinzessin auf der Erbse und dem Kaiser aus dem M\u00e4rchen \u00fcber seinen neuen Kleider. Jemand sollte mir sagen, dass ich mich gef\u00e4lligst nicht so haben soll, aber keiner tut es. Und ich bin mir selbst gegen\u00fcber offenbar keine ernstzunehmende Autorit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum? Bin ich so furchteinfl\u00f6\u00dfend in meiner Wut? Ist der Arzt tats\u00e4chlich so fixiert auf das Wohl seiner Patienten? Oder ist dieser Beschwichtigungsschwall einfach der schnellste und effektivste Weg, eine potentiell unangenehme Situation zu neutralisieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt fasst sich kurz, bringt mich dann in ein Zimmer hinter dem Rezeptionsbereich und impft mich. 7 Minuten nach dem ich aufgerufen wurde, verlasse ich die Praxis. <\/p>\n\n\n\n<p>So unangemessen ich das inzwischen selber finde: meine Wut bleibt. Ich sp\u00fcre sie noch, als ich l\u00e4ngst wieder zu Hause an meinem Rechner sitze und mich auf meinen n\u00e4chsten Termin vorbereite. Was br\u00e4uchte ich, um die Wut gehen zu lassen, frage ich mich. Ich habe doch alles bekommen: Meine Impfung, eine Entschuldigung und einen Freifahrtschein mich weiterhin riskant zu verhalten. Beim Mittagessen besch\u00e4ftigt mich das Thema immer noch. Ich frage meinen Mann: Was br\u00e4uchte ich, um diese Wut endlich gehen zu lassen? Der schnauft kurz, lacht kurz, sch\u00fcttelt kurz den Kopf und sagt: Mehr Probleme. \u00dcberleg dir gut, ob du das willst.<\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze beim Arzt. Keine Notaufnahme, kein Notfall, mir tut nichts weh. Aber ich koche vor Wut. Ich habe einen Termin f\u00fcr eine Impfung. 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