{"id":301,"date":"2023-02-10T19:51:54","date_gmt":"2023-02-10T18:51:54","guid":{"rendered":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=301"},"modified":"2023-02-10T19:55:53","modified_gmt":"2023-02-10T18:55:53","slug":"zeitbombe-entschaerft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=301","title":{"rendered":"#74 Zeitbombe entsch\u00e4rft"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;So. F\u00e4den sind raus. Sie k\u00f6nnen sich anziehen. Bitte bleiben sie noch in der Kabine, die \u00c4rztin will mit Ihnen sprechen.&#8220; &#8211; &#8222;Okay.&#8220; Die Antwort des Patienten klingt \u00fcberrascht, unsicher, vielleicht \u00e4ngstlich. Ich sitze eine Kabine weiter mit heruntergelassener Hose und baumelnden Beinen auf einer Pritsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Den kleinen Leberfleck auf meinem Schenkel habe ich gemocht. Geformt wie ein Reiskorn, elegant, gl\u00e4nzend. Wenn ich auf dem Klo sa\u00df, habe ich ihn gesehen. Der einzige andere Leberfleck zu dem ich eine Beziehung habe, sitzt hellbraun, zwischen linkem Handgelenk und Daumenwurzel. Alle anderen sind nur fl\u00fcchtige Bekannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die \u00c4rztin nach dem Hautcheck auf den Reisfleck zeigt und die Stirn in Falten legt, denke ich: Die finden immer was. Die wollen schneiden. Geld verdienen. Ich sage: ich kenne diesen Leberfleck, der ver\u00e4ndert sich kein bisschen. Sie sagt: Aber er k\u00f6nnte, er ist ihr h\u00e4ssliches Entlein. Ich zeige ihr andere komische Leberflecke auf meinen Armen, manche ganz hell, manche erhaben. Alle harmlos. Aber der Reisfleck.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch am Tag der vereinbarten Entfernung frage ich mich beim Z\u00e4hneputzen, ob ich das machen soll. H. sagt: &#8222;Schaden kann es nicht, du hast gen\u00fcgend andere besondere Merkmale.&#8220; Fein, ich ziehe mich an und laufe zur U-Bahn. Das Wegmachen dauert 13 Minuten und da ist das Rasieren des Schenkels schon mit eingerechnet und meine Suche nach Worten, als mir die Chirurgin das von meinem K\u00f6rper abgeschnittene St\u00fcckchen Ich in einer transparenten L\u00f6sung schwimmend vor die Nase h\u00e4lt, als w\u00e4re es eine Troph\u00e4e. &#8222;Unappetitlich&#8220;, sage ich schlie\u00dflich. &#8222;Wie man&#8217;s nimmt.&#8220;, sagt sie und ich lache h\u00f6flich, denke aber: Nein, egal wie man es nimmt, die sterbenden Zellen bleiben unappetitlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester, die mir die F\u00e4den zieht ist kr\u00e4ftig und tr\u00e4gt ein Kopftuch. Es ist mir peinlich, das zu schreiben, aber ich sch\u00e4me mich daf\u00fcr, dass sie mich in Unterhosen sehen muss und dass meine Unterhosen heute lila sind. Das legt sich, als sie &#8222;Tachchen!&#8220; ruft.  <\/p>\n\n\n\n<p>Weil es mir Angst machen w\u00fcrde, wenn sie gleich zu mir sagt, dass die \u00c4rztin noch mit mir sprechen will, presche ich vor: &#8222;Kommt die \u00c4rztin gleich auch noch zu mir?&#8220; So bleibe ich in F\u00fchrung und darf mir kurz clever vorkommen, als die Schwester lachend &#8222;Genau!&#8220; fl\u00f6tet. Ich schaue mir die verschorfte aber nun fadenfreie Narbe an und denke: Hab keine Angst vor dem Reisfleck, du kennst ihn. Kanntest.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne ihn nicht. &#8222;Alles gut gegangen&#8220;, sagt die \u00c4rztin &#8222;und kein Grund zur Sorge.&#8220; Ihre Stimme geht nach oben am Ende des Satzes und das Aber, das nun folgen muss, trifft mich wie eine Ohrfeige. &#8222;Gut, dass wir den Fleck entfernt haben. Er enthielt bereits Tumorzellen.&#8220; Sie spricht weiter, aber alles was ich denken kann ist: Tumorzellen. &#8222;Was? Tumorzellen?&#8220;, sage ich, als sie schlie\u00dflich schweigt und mich ansieht.  &#8222;Das war kein Krebs. Aber das w\u00e4re sehr wahrscheinlich Krebs geworden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat den Befund ausgedruckt dabei, bestimmt ist sie jeden Tag mit Menschen wie mir konfrontiert, deren Gehirn aufh\u00f6rt zu arbeiten, sobald sie Tumorzellen sagt. &#8222;K\u00f6nnen Sie sich zuhause ganz in Ruhe durchlesen. Wenn Sie fragen haben, rufen Sie durch.&#8220; Ich ziehe meine Hosen hoch, stecke den gefalteten Befund in meine Ges\u00e4\u00dftasche, sage alle angemessenen H\u00f6flichkeiten auf und muss an die frische Luft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester mit Kopftuch liest den Schrecken in meinem Gesicht, als ich am Anmeldetresen vorbeilaufe, hinter dem sie inzwischen wieder sitzt. &#8222;Deswegen machen wir ja Hautchecks. Damit wir solche Zeitbomben finden und entsch\u00e4rfen.&#8220; Ich bleibe stehen und atme. &#8222;Ihre ist entsch\u00e4rft.&#8220; Sie nickt mir zu &#8211; ich nicke zur\u00fcck. &#8222;N\u00e4chster Termin in 12 Monaten.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> &#8222;Alles gut gegangen&#8220;, sagt die \u00c4rztin &#8222;und kein Grund zur Sorge.&#8220; Ihre Stimme geht nach oben am Ende des Satzes und das Aber, das nun folgen muss, trifft mich wie eine Ohrfeige. &#8222;Gut, dass wir den Fleck entfernt haben. Er enthielt bereits Tumorzellen.&#8220; Sie spricht weiter, aber alles was ich denken kann ist: Tumorzellen. &#8222;Was? 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