{"id":368,"date":"2024-09-14T09:24:37","date_gmt":"2024-09-14T08:24:37","guid":{"rendered":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=368"},"modified":"2024-09-15T00:25:13","modified_gmt":"2024-09-14T23:25:13","slug":"80-vor-dem-klassentreffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=368","title":{"rendered":"#80 Vor dem Klassentreffen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn mir die Leute, denen ich auf einem Klassentreffen begegne, wichtig w\u00e4ren, br\u00e4uchte ich kein Klassentreffen. Ich w\u00fcrde ihnen auch im Leben begegnen. Ich h\u00e4tte Kontakt gehalten \u00fcber die Jahre. Wenn der Kontakt abgerissen ist, ist das auch gut. Menschen kommen und gehen, manche bleiben an deiner Seite f\u00fcr eine Weile, die wenigsten f\u00fcr immer. Ich bin Mitte vierzig, ich sollte mich daran gew\u00f6hnt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe heute Abend Klassentreffen. Ich bin 400 km gefahren, um daran teilzunehmen. Ich schenke dem gro\u00dfen Wiedersehen ein Wochenende. Was ich immer \u00fcber Klassentreffen dachte, stimmt offenbar nicht mehr f\u00fcr mich. Was treibt mich?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein sehr sentimentaler Mensch. Ich leide unter einer beinahe krankhaften Glorifizierung der Vergangenheit. Als Rentner werde ich ein Fr\u00fcher-war-alles-besser-N\u00f6rgler sein. In meiner Erinnerung sind meine Teenager-Jahre eine Zeit voller Chancen. Jeden Tag habe ich etwas zum ersten Mal gemacht oder zum ersten Mal gef\u00fchlt. Ich stand am Beginn eines Weges von dem jede Entscheidung einen Abzweig bildete, der neue Entdeckungen f\u00fcr mich bereithielt. Ich war teil einer Gemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Charakteren, gleichsam Teil eines Dorfes &#8211; das Dorf war die Oberstufe &#8211; aber wie alle anderen in Begriff auszufliegen und ich selbst zu werden. Ich war noch beh\u00fctet, aber ein warmer Wind s\u00e4uselte schon den Geruch der Freiheit (und verschwieg die damit einhergehende Verantwortung). Ein Teil von mir w\u00fcnscht sich, heute Abend in dieses Dorf zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Ein anderer Teil wei\u00df: Ich werde nur noch Ruinen vorfinden, Grundmauern, vielleicht ein paar alte Fotos in vermoderten Alben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchre seit Jahrzehnten Tagebuch, haupts\u00e4chlich um dieser Vergangenheitsglorifzierung entgegenzutreten. Ich kann nachlesen, wie meine Teenagerjahre wirklich waren: furchtbar. Ich war ungeoutet in einem homophoben Umfeld. Ich war verliebt in meinen besten Freund, der wiederum in wechselnde M\u00e4dchen verliebt war und von meinen Gef\u00fchlen nichts wissen durfte. Ich hatte weder Markenklamotten, noch einen Pentium-PC, noch Geld f\u00fcr Auslandsklassenfahrten. Meine Mutter war alleinerziehend, wir waren arm. Au\u00dferdem wurde sie in dieser Zeit sehr krank. So krank, dass ich mich mehr um sie k\u00fcmmern musste, als ich mich um mich k\u00fcmmern konnte. Ich lese das manchmal nach. Dann empfinde ich stolz darauf, was aus mir geworden ist und freue mich dar\u00fcber, dass das Leben vorw\u00e4rts verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch deswegen habe ich Klassentreffen immer abgelehnt: Ihr einziger Zweck ist die Befriedigung der voyeuristischen Neugier darauf, was aus wem geworden ist. Wer ist dick geworden? Wer ist alt geworden? Wen haben Schicksalsschl\u00e4ge getroffen? Ich bin dick geworden, ich bin alt geworden, ich hatte Schicksal. Alle anderen auch, glaube ich. Es geht darum, sich zu anderen ins Verh\u00e4ltnis zu setzen: Wie gut habe ich mich geschlagen? Wie weit bin ich gekommen? Wie richtig habe ich gelebt bis hierher? Besser? Weiter? Richtiger? &#8211; Als wer? Und wenn nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende geht es immer um einen selbst: Wie zufrieden bin ich damit, was aus mir geworden ist? In der Oberstufe war ich der bunte Vogel, der Kreative. Ich habe Theater gespielt und geschrieben. Ich war <em>popul\u00e4r<\/em>. Eine Schulfreundin sagte mir auf dem Abiball, dass ich bestimmt mal beim Fernsehen lande. Oder Schriftsteller werde. Ich habe tats\u00e4chlich Kunst studiert und gemacht und ich schreibe nach wie vor Dinge ins Internet &#8211; meistens aus Sentimentalit\u00e4t oder Panik und eigentlich mehr f\u00fcr mich als f\u00fcr andere. Aber Schriftsteller, Schauspieler oder wenigstens Moderator bin ich nicht geworden. Stattdessen <em>Director of Business Operations &amp; Customer Success.<\/em> Bitte was? Hohes Tier? Rich Cat? Business-Kasper mit fluffigem Fantasie-Job-Title? Ok, wow.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Schreiben dieses Textes merke ich: Ich kann nur deshalb heute Abend zum Klassentreffen gehen, weil ich zufrieden mit mir bin. Falls mir jemand sein Haus, sein Auto, sein Boot auf seinem Smartphone zeigen will, kann ich mich neidlos freuen. Meinetwegen bin ich &#8211; leider, leider &#8211; nicht ber\u00fchmt geworden, sondern nur ein Angestellter im Management. Geworden bin ich aber auch: ein <em>Lucky Bastard<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eine Liebe in meinem Leben, die so nah an dem ist, was ich mir immer ertr\u00e4umt habe, dass mir manchmal wortw\u00f6rtlich die Luft wegbleibt. Ich habe einen Job, der mich erf\u00fcllt, auch wenn er anstrengend ist. Ich habe genug Geld. Ich lebe in der Stadt, in der ich leben wollte, seitdem ich sie zum ersten Mal besuchte, und die h\u00e4lt, was sie mir versprochen hat. Ich lebe in Freiheit und kann mich so einbringen, wie ich will. Ich habe genug Zeit. Ich bin gesund. Ich bin gereist. Ich bin belesen. Ich kann deshalb heute Abend zum Klassentreffen gehen, weil ich nicht das Gef\u00fchl habe, etwas verpasst zu haben. Das Lachen nicht, das Lieben nicht und &#8211; naja, auch nicht das Leiden. <\/p>\n\n\n\n<p>Klar, Ich habe graue Schl\u00e4fen, Falten um die Augen, gelbe Z\u00e4hne und f\u00fcnfzehn Kilo zuviel auf den H\u00fcften. Das sind Gebrauchsspuren. Die sind entstanden, als ich meinen K\u00f6rper und mich daf\u00fcr gebraucht habe, wof\u00fcr wir gemacht sind. Die haben andere auch. Oder auch nicht. Fein f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich ehrlich interessieren, heute Abend. Ich will Geschichten h\u00f6ren, Biografien, \u00dcberraschungen. Die Neonfarben der Neunziger. Ich will alte Freunde treffen und einfach mal gucken, ob sich lose Enden vielleicht wieder verknoten lassen. Ich will mich erinnern, ohne sentimental zu werden. W\u00e4re das alte nicht vergangen, w\u00e4re ich nicht hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn mir die Leute, denen ich auf einem Klassentreffen begegne, wichtig w\u00e4ren, br\u00e4uchte ich kein Klassentreffen. Ich w\u00fcrde ihnen auch im Leben begegnen. Ich h\u00e4tte Kontakt gehalten \u00fcber die Jahre. Wenn der Kontakt abgerissen ist, ist das auch gut. Menschen kommen und gehen, manche bleiben an deiner Seite f\u00fcr eine Weile, die wenigsten f\u00fcr immer. 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