{"id":373,"date":"2024-09-15T12:50:10","date_gmt":"2024-09-15T11:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=373"},"modified":"2024-09-15T12:51:31","modified_gmt":"2024-09-15T11:51:31","slug":"81-nach-dem-klassentreffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/korbiniansaltz.de\/?p=373","title":{"rendered":"#81 Nach dem Klassentreffen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe drei Pullis und Hosen so lange kombiniert, bis ich eine Kombination gefunden habe, die ich f\u00fchle. Pffft. Ich trage Jeans und Sweater, niemand wird vermuten, dass ich mir Gedanken um mein Outfit gemacht habe. Genau so will ich aussehen. Aber eben gut. Ich liege etwas zu stark parf\u00fcmiert auf dem Hotelbett und lasse Zeit vergehen. Ich will nicht zu p\u00fcnktlich sein. Auf keinen Fall der Erste. Ich parke in Sichtweite zum Restaurant, aber nat\u00fcrlich auf gar keinen Fall direkt davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Restaurant stehen sieben Menschen und unterhalten sich. Sie rauchen. Ich m\u00f6chte einfach wieder fahren. Noch hat mich niemand gesehen. Ich kenne keinen von diesen Menschen. Ich denke: Die sehen alt aus. Dann f\u00e4llt mir auf: Die sind nicht \u00e4lter als ich. Ich denke: Ich kann da nicht hingehen. Wenn ich aus dem Auto steige, habe ich noch 30 Schritte. Wenn ich dann immer noch niemanden erkannt habe, wird es peinlich. Vielleicht bleibt es dann peinlich f\u00fcr mindestens zwei Stunden, bis ich wieder gehen kann. Ich sp\u00fcre, wie meine Angst gr\u00f6\u00dfer wird und ich kenne mich: Wenn ich jetzt nicht aussteige, steige ich nicht mehr aus. Ich steige aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Rauchenden gehen ins Lokal. Mein Blick f\u00e4llt auf einen anderen Mann, der langsam auf mich zu kommt. Er sieht sympathisch aus. Ich erkenne ihn. Er hat jetzt einen vollen Bart und ist etwas runder geworden. Aber es ist ganz eindeutig &#8211; Peter? Robert? &#8222;Hey Peter!&#8220;, &#8222;Robert. Aber hi!&#8220;. Das ist mir kurz unangenehm, aber dann schnell okay. Mehr als das. Wir sprechen nicht \u00fcber mein Haus, mein Auto, mein Boot, sondern nach zwei S\u00e4tzen \u00fcber: Patricia Barber. 25 Jahre nach dem wir uns zuletzt gesehen haben, sprechen wir erst einmal \u00fcber Jazz. Ich entspanne mich. Nach zwei Minuten kommen weitere Leute dazu. Und es ist so, wie es den ganzen Abend bleiben wird. Ich erkenne jedes Gesicht. Bei manchen Namen brauche ich Hilfe. Die Rauchenden waren Teil einer anderen Gruppe. Wir gehen rein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ehrlich \u00fcberrascht. Mir ist das zu cheesy, aber: Ich bin ber\u00fchrt. Wie gut sich das anf\u00fchlt! Ich begr\u00fc\u00dfe Menschen mit einer Umarmung, die ich seit 25 Jahren nicht gesehen habe. Manche von ihnen habe ich niemals vorher umarmt. Die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten war so wichtig, so pr\u00e4gend, dass sie uns zu einer Gruppe gemacht hat, die offenbar immer noch funktioniert, (und ich sparsam mit diesem Wort, aber hier geh\u00f6rt es hin:) irgendwie. Wir teilen eine gemeinsame Geschichte, an die sich ankn\u00fcpfen l\u00e4sst. An die dumm ist, nicht anzukn\u00fcpfen, denn die Geschichte geht nirgendwo hin. Mit manchen endlich wieder zu sprechen, macht mir ein Gef\u00fchl von Erleichterung, eine milde Form von gestillter Sehnsucht, die ich vorher offenbar nicht stark genug empfunden habe, um sie zu adressieren. <\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Stunden genie\u00dfen wir, einander Einblick zu geben, was seitdem passiert ist &#8211; und wir sind ehrlich dabei. Nat\u00fcrlich h\u00f6re ich von beeindruckenden Karrieren, besonders gut geratenen Kindern und erstaunlichen Reisen. Aber wir sprechen auch \u00fcber l\u00e4hmende Depressionen, irreversible Krankheiten und falsche berufliche Entscheidungen. \u00dcber die Suche nach Bedeutung. \u00dcber den Sinn des Ganzen. \u00dcber den Sinn des Einzelnen. Wir sprechen \u00fcber Politik und ich entdecke Perspektiven, die mich besser verstehen lassen, warum in meiner Heimat inzwischen so h\u00e4ufig AfD gew\u00e4hlt wird. Ich entdecke Sympathisches an Menschen, mit denen ich zu Schulzeiten nie zu tun hatte und haben wollte. Und ich entdecke viel Vertrautes wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wir sind alle \u00e4lter geworden, einige dicker, andere sehr d\u00fcnn. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um das, was wir ge-, er- und \u00fcberlebt haben. Wir haben uns entwickelt. Sind Zeugen von Wundern geworden. Haben Langeweile und Stagnation getrotzt. Ich habe einen fantastischen Abend. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich komme mir zwischendurch auch immer wieder bescheuert vor. Dumm. Arrogant. Ich habe Anfl\u00fcge von Reue und von Pffft. 2004 gab es wohl schon einmal ein Klassentreffen. Damals bin ich nicht hingegangen, obwohl ich statt 400 km nur 4 km h\u00e4tte anreisen m\u00fcssen. Ich f\u00fchlte mich diesem Kreis entwachsen. Wollte hinter mir lassen, wo ich herkam, weil ich so sehr hinwollte, wo ich hinwollte. Aber diese gemeinsame Geschichte geht nirgendwo hin und es ist so eine Verschwendung, nicht an sie anzukn\u00fcpfen. Ich habe untersch\u00e4tzt, was das wert ist: langj\u00e4hrige Freundschaft. Da bleiben. Beieinander. Wenigstens in Sichtweite. Wenigstens zu Besuch. <\/p>\n\n\n\n<p>Anna und Carolin reden \u00fcber Kinder. Carolin hat drei, Anna keine. Wie ich. Anna hatte nie das Bed\u00fcrfnis. Carolin kann das verstehen. Anna sagt, dass sie sich manchmal davor f\u00fcrchet, ihre Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit jetzt mit Einsamkeit im Alter bezahlen zu m\u00fcssen. Wie ich. Carolin sagt, dass sie ihre Kinder \u00fcber alles liebt und sich ihnen wirklich gerne schenkt jetzt mit Haut und Haaren. Und dann sagt sie, dass sie sich manchmal davor f\u00fcrchtet ihre traute Familie jetzt mit Einsamkeit im Alter bezahlen zu m\u00fcssen. Sie pflegt ihre Freundschaften zu wenig. Kinder fliegen aus. Freunde bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Tat\u00e4schlich sind einige der Menschen in diesem Klassenverband so nah beieinander geblieben, dass sie inzwischen 35 Jahre befreundet sind. Das ist sehr nah an<em> schon immer<\/em> f\u00fcr Menschen die Mitte 40 sind. Sie leben im gleichen Stadteil, ihre Kinder tanzen im gleichen Verein. Man kennt sich. Wirklich. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir versprechen einander, nicht 25 Jahre bis zum n\u00e4chsten Wiedersehen zu warten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Schnaps getrunken und darf sentimental sein: Mich ber\u00fchrt, dass mir manche das Gef\u00fchl geben, ich k\u00f6nnte sie auch nach all den Jahren einfach anrufen, wenn ich sie brauche. Keine Fragen, keine Vorw\u00fcrfe. Ich f\u00fchle mich beschenkt. Ich nehme mir vor, was draus zu machen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe drei Pullis und Hosen so lange kombiniert, bis ich eine Kombination gefunden habe, die ich f\u00fchle. Pffft. 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