Archiv für den Monat: Dezember 2014

#53

Von weitem sehe ich, wie der Mann in die Hocke geht. Aber anstatt sich die Schuhe zu binden, wie ich es erwartet hätte, breitet er die Arme aus. Im Gegensatz zu mir versteht meine Hündin das Zeichen sofort. Sie flitzt schnurstracks auf ihn zu. Ich habe den Impuls sie zurückzurufen, aber die Freude im Gesicht des Mannes bremst mich. Stürmisch begrüßt Milda den Mann, springt an ihm auf und leckt ihm das Kinn. Der Mann lacht laut, streichelt Sie und macht ein Tänzchen mit ihr. Nur ich bin irritiert über die selbstverständliche Vertrautheit; ich kenne den Mann nicht.

„Sie haben einen ganz tollen Hund, wissen Sie das?“, ruft er mir zu. „Ist das ein Rassehund? Nein? Aber er hat Charakter! Ist bestimmt noch sehr jung, oder? Nicht? Aber sehen Sie nur, wie er strahlt!“

Du strahlst, denke ich, du strahlst das Lächeln eines fröhlichen Jungen aus dem Gesicht eines blassen Mittvierzigers. Wer bist du?

„Sie müssen viel rausgehen mir ihr. Sie braucht viel Bewegung. Sehen Sie, ich habe mal 100 Kilo gewogen, da haben die Schwestern gesagt, ich muss abspecken. Also habe ich mir angewöhnt, nach jeder Mahlzeit eine halbe Stunde zu verdauen und dann eine Stunde lang spazieren zu gehen. Nach drei Monaten habe ich nur noch 70 Kilo gewogen. Da haben die Schwestern gesagt, so geht’s aber nicht, ich müsse dringend wieder zunehmen. Also habe ich angefangen, jeden Tag eine Tafel Schokolade zu essen. Jeden Tag, eine ganze Tafel, stellen Sie sich das vor! Und wissen Sie, wie viel ich nach einem Monat zugenommen hatte? 300 Gramm. Nach 30 Tafeln Schokolade! Naja, Sie interessiert das nicht, Sie sind schlank. Aber ihr Hund braucht die Bewegung. Ihr Hund ist sehr besonders!“

Du bist besonders, denke ich, deine Hände zeichnen alles was du sagst in die Luft und dein ganzer Körper geht mit, wie beim Ballett.

„Sie müssen mir das glauben, Ihr Hund ist ein Glückshund. Ich bin nicht verrückt, oder so, ich kann mich nur nicht so gut anpassen. Aber das macht nichts. Ich wohne gern hier. So nah am Wasser und so schön. Und das Größte ist: ich brauche nicht zur Arbeit. Sie müssen bestimmt immer arbeiten, oder? Machen Sie sich nichts draus. Gehen Sie immer schön mit Ihrem Hund spazieren. Nach der Arbeit, vor der Arbeit, immer. So ein schöner Hund! Der wird Ihnen Glück bringen. Noch viel Glück!“

„Ihnen auch! Ihnen auch viel Glück, meine ich. Und Danke! Danke, dass Sie das gesagt haben.“

Der Mann ist schon weitergegangen, ich sehe ihm noch eine Weile nach. Milda auch. Erst als sich die Automatiktür zum betreuten Wohnen hinter ihm schließt, kommen wir wieder zu uns.

#52

„Gut, dann ist ihr ihr neues Telefon“, sagt der kräftige junge Mann, der mich an Shrek erinnert, als er den Karton mit seinen kurzen Fingern über den Tresen schiebt, „aber bevor ich Ihnen viel Spaß damit wünsche, habe ich noch eine Frage.“ Er lächelt mich feierlich an und ich denke: Nein, Mann, ich will keine Handyversicherung für zehn Euro im Monat, aber wenn du mich das fragen musst, dann frag halt. „Hätten Sie Interesse an einer Smart Watch?“ „An einer was?“ „An einer Armbanduhr zu ihrem Telefon. Die zeigt Ihnen alle Benachrichtigungen, Erinnerungen und Navigationsanweisungen direkt am Handgelenk an. Außerdem überwacht sie Ihre Fitness und Ihren Schlaf. Sie steuern sie über Wischgesten und Sprachbefehle. Ich könnte Sie ihnen für 200 € überlassen.“ „Muss ich das jetzt entscheiden?“ „Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir eine Minute.“ Der junge Mann verschwindet in einer schmalen Tür in der Ladendeko. Ich denke: Mist, ich weiß nichts über Smart Watches, aber das ist ja vielleicht auch schon ein Indiz. Als der junge Mann zurück ist, legt er einen halb so großen Karton neben den meines neuen Handys. „Hier ist das gute Stück. Weil Sie aber Gold-Kunde bei uns sind kann ich Ihnen 10 Prozent Rabatt auf die Uhr geben.“ „Gold-Kunde?“ „Und damit nicht genug!“ Der junge Mann verschwindet kurz unter dem Tresen und ich frage mich, was ich getan habe, um Gold-Kunde zu werden. Er stellt einen weiteren, doppelt so großen Karton neben die anderen beiden. „Diese hochwertigen Bügelkopfhörer aus dem Hause JBL gebe ich Ihnen gratis dazu. Im Handel zahlen Sie dafür nicht weniger als 100 €. Aber ich sehe, Sie sind immer noch nicht überzeugt.“ Er verschwindet ein weiteres Mal und ich kratze mich am Kopf. Ein vierter, viermal so großer Karton wird von unter dem Tresen neben die anderen drei gestellt. Eine Ecke des Kartons steht auf der Enter-Taste des Kassenrechners, es tutet. „Hier habe ich noch etwas ganz Feines für Sie. Einen Bluetooth-Lautsprecher für unterwegs, den sie zuhause für ein beeindruckendes Hifi-Erlebnis in einen passgenauen Subwoofer versenken können. Für das alles, müssten Sie im Handel mindestens 450 € hinlegen. Bei mir heute nur 180. Das ist ein Angebot, oder?“ „Allerdings.“, stammele ich. „Allerdings.“, wiederholt er triumphierend. Es vergehen ein paar Sekunden. „Aber es ist Folgendes.“, wende ich schließlich ein. „Ich trage seit 10 Jahren keine Armbanduhr mehr, dafür trage ich fantastische Kopfhörer auf Streichholzschachtelgröße zusammengerollt in meiner Jacke immer bei mir und einen Bluetooth-Lautsprecher habe ich auch.“ Ich überlege kurz, warum ich mich rechtfertige anstatt einfach „Nein, danke.“ zu sagen, aber Shrek ist niedlich und ich weise ihn nicht gern zurück. „Sie müssten die Sachen ja nicht behalten. Sehen Sie, Weihnachten steht vor der Tür.“ Er zieht die Augenbrauen hoch und nickt bedeutungsvoll, als wolle er sich vergewissern, ob der Groschen bei mir endlich gefallen sei. Ich schiebe die Ecke des Kartons von der Entertaste, damit das Tuten aufhört und ich endlich wieder denken kann. Dann stelle ich mir die ratlosen Gesichter meiner Freunde vor, nachdem ich Ihnen Bügelkopfhörer und Bluetooth-Lautsprecher geschenkt habe und schüttele langsam den Kopf. „Garantiert würden Sie auch auf eBay einen guten Schnitt damit machen.“, sagt Shrek verschwörerisch, nachdem er sich zu mir über den Tresen gebeugt hat. „Nein, nein, nein.“, sage ich schnell und denke: Nein, ich will nicht, dass eine Google-Uhr meine Fitness überwacht und erst recht nicht meinen Schlaf. Nein, ich möchte meine Freunde nicht mit unpersönlichen Geschenken irritieren und nein, ich kann eBay nicht leiden und ich will mich da nicht anmelden, schon gar nicht aus Gier. „Ich nehme nur das Telefon.“ Shreks Unterkiefer klappt auf und friert ein paar Sekunden ein. Ich komme mir wie ein Freak vor, und dass ich mich „Alles andere wäre Konsum um des Konsums Willen.“, sagen höre, macht es nicht besser; immerhin stimmt die Grammatik. „Okay.“, sagt Shrek, wobei er die O-Silbe des Wortes als kleine Reminiszenz an die Kartons ungefähr viermal so lang zieht, wie das anschließende „kay“. „Das ist natürlich Ihre Entscheidung.“ „Deswegen muss die Ihnen auch nicht logisch vorkommen.“, sage ich versöhnlich lachend. Shrek nickt wieder. Ich schnappe mir einen Karton und verschwinde.