Archiv für den Monat: Januar 2019

#72 Mutig mir vorweg

Ich bewundere F. seit dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah. Das war im Herbst 2014. Ich saß an meinem Arbeitsplatz, meine bockige Chefin neben mir. F. lief vor unseren Schreibtischen auf und ab und telefonierte mit einem Techniker. Ich erinnere mich noch an ihre Stiefel. Feine, schwarz, mit kleinem Absatz und hohem Schaft. Wie sie darin sieben Schritte lief, am Fenster Kehrt machte, sieben Schritte bis zu meinem Platz lief und wieder Kehrt machte. Sie marschierte nicht, aber sie wollte vorwärts kommen.

Nichts funktionierte. Es war der erste Tag meiner Abteilung in der anderen Firma und wir konnten nicht arbeiten. Es war die Aufgabe von F. das zu ändern. Und sie würde sie erfüllen. Ich an ihrer Stelle würde schwitzen, fluchen, mich entschuldigen, in lächerlicher Pose unter dem Tisch knien um alle Kabelverbindungen zu prüfen. F. nicht. F. lief sieben Schritte hin und sieben Schritte her und organisierte eine Lösung. Gelassen, klar, mit einem Lächeln .

Ich konnte nicht wissen, dass F. eine so enge Freundin werden würde, drei Jahre später. Dass ich Guacamole fürs Familienabendessen in ihrer Küche zubereiten, ihre Söhne im Sack auf meinem Rücken durch die Wohnung tragen und Tarot mit ihr legen würde. Dass wir einander vertrauen und anvertrauen würden. Aber ich habe mir das gewünscht.

Heute stellt F. eine Weiche in ihrem Leben. Und ich sehe sie das tun und weiß, das stellt auch eine Weiche für mich, denn ein Teil von mir ist auch Teil ihres Zuges. Inmitten dieser Jahresauftaktveranstaltung auf der sich die Angestellten der Firma gegenseitig versichern, was für eine coole Company wir sind und sich gegenseitig einnorden auf den Kurs des neuen Jahres, inmitten dieser Veranstaltung steht F. in einer Kaffeepause an einem dieser bodentiefen Fenster die man nicht öffnen kann, wendet den Blick nach draußen in den blassblauen Januar und telefoniert. Und ich sehe sie das tun und ich weiß, das ist das entscheidende Telefonat. Jemand macht ihr ein Angebot. Ich weiß es so sicher, dass ich mein Telefon zücke und sie fotografiere. Sie trägt schwarz, aber einen gelben Rock. Gelb ist meine Lieblingsfarbe.

Morgen wird F. kündigen. Ja, sie hat ein Angebot, aber sie hat keinen neuen Vertrag. Ja, sie ist seit ihrer Ausbildung in dieser Firma, sie ist seit 20 Jahren in dieser Firma, aber sie kann kein weiteres Jahr hier sein. Sie glaubt nicht mehr an das was wir tun. Sie steht nicht hinter den Entscheidungen dieses Geschäftsführers. Sie ist nicht bereit in einem Teil ihres Lebens, der so viele Stunden beansprucht solche großen Kompromisse zu machen. Sie hat es gesagt, man hat sie gehört, nichts hat sich geändert.  F. ist mutig und konsequent. F geht.

Mir vorweg.

#71 Vorsatzkreisel

Wenn du dir zum ersten Mal seit Gott weiß wann zum neuen Jahr eben nicht vornimmst abzunehmen, mehr Sport zu machen und schlanker und muskulöser zu werden; sondern im Gegenteil hinnimmst, dass du gewachsen bist, wie du gewachsen bist und im Gegenteil annimmst, dass das okay sein muss, weil es in deinem Leben Menschen gibt, die deinen Körper offensichtlich okay finden und du sogar das Glück hast, dass es einige wenige Menschen in deinem Leben gibt, die deinen Körper leidenschaftlich mehr als okay finden; und du dir stattdessen lieber vornimmst, in diesem Jahr gelassener zu werden, weniger verbissen im Job, weniger hart zu dir selbst, freundlicher und fröhlicher, vielleicht ein bisschen wie früher; bist du dann nicht einem gemeinen Selbstbetrug aufgesessen, weil du dir in aller Seelenruhe mehr Gelassenheit vornimmst, wofür du ja gar keinen Platz hättest, wärest du nicht heute schon gelassen genug, den seit Jahren und noch immer unerfüllten Vorsatz schulterzuckend beiseite zu legen? Und wenn schon.

#70 Anfang

Du wachst auf, setzt dich, setzt die Füße auf die rauen Dielen, stellst dich, läufst drei Schritte zum Fenster, stehst dort. Der Morgen ist jung, alle anderen schlafen noch. Durchs Fensterglas spürst du die Kühle auf Stirn und Wangen. Du befeuchtest deine Lippen. Es ist Schnee gefallen über Nacht – reichlich. So reichlich, dass der Hof kaum vom Weg und der Weg kaum vom Feld zu unterscheiden ist. Du solltest raus gehen, findest du. Aber du bist dir nicht sicher, ob um Holz zu holen oder um der erste zu sein, der Schritte in die Landschaft setzt und den Hof vom Weg und den Weg vom Feld unterscheidet. Vielleicht einfach um zu sehen, wohin das Weiß dich zieht.

Stimmt das? Liegt das neue Jahr vor dir wie eine unbetretene, unberührte Landschaft? Liegt es vor die, wir ein unbeschriebenes Blatt, wie ein leeres Buch, eine unmöblierte Wohnung, ein ungebautes Haus? Oder bist du nicht längst auf dem Weg, wie alle, wie immer? Gibt es nicht längst feine Fäden, Gespinst, Seilschaften, Verstrickungen, die dich ziehen vom klaren A zum klaren B? Sind deine Zähne scharf genug? Schneiden deine Krallen? Und traust du dich?

Schreib mir eine Karte in 364 Tagen. Doch Obacht, vielleicht bin ich verzogen.