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#50

Ich höre Royksopp und denke zuerst, die alte Frau mit den vom feuchten Novemberwind zerzausten weißen Haaren, die sich mir in den Weg stellt ist Teil  des Videoclips, den mein Gehirn aus diesem grauen Nachmittag zusammenschneidet. Aber nein, sie ist Teil der Wirklichkeit, sie spricht mich an und mit den Ohrstöpseln aus meinen Gehörgängen, ziehe ich auch dem Musikvideo den Stecker.

„Könnse mir mal helfen, bitte?“
„Wobei denn?“
„Ich habe hier einen Fernseher im Kofferraum. Der muss da raus.“
„Wo soll der denn hin?“
„Na hier unter die Brücke.“
„Sie fragen mich, ob ich ihn beim Abladen von Sperrmüll helfe? Ernsthaft?“
„Brauchen Sie einen Fernseher?“
„Nein. Sie wohl auch nicht mehr?“
„Gut. Ich fahre den morgen weg. Aber ich muss was transportieren jetzt. Und da muss der Fernseher erstmal raus.“
„Ich glaube Ihnen nicht.“
„Na hören Sie mal.“
„Bis vor Kurzem stand hier noch ein Kopierer und eine Waschmaschine. Ich kenne diesen Platz.“
„Mein Name ist Winterkorn und ich habe den zweiten Garten da vorn. Sehen Sie die dunkelblaue Laube? Das ist meine. Glauben Sie mir doch! Ich schaff das nicht allein!“
„Okay. Ich werde ihnen helfen. Aber dann werde ich ihr Nummernschild fotografieren. Und wenn ich morgen hier vorbeikomme und der Fernseher steht noch da -“
„Meine Fresse, was bist du nur für ein Spießer!“
„Was?“
„Noch so jung aber schon so spießig! Furchtbar! Was soll nur aus dir werden!“

Wutentbrannt knallt die alte Frau den Kofferraum zu. Sie sieht ein bisschen unbeholfen aus, als sie in ihren nicht geschnürten Winterschuhen um ihren alten Mercedes zur Fahrertür stapft. Ich muss die Hündin beiseite zerren, damit sie nicht überfahren wird, als sie mit Vollgas zurücksetzt. Während die Reifenspuren mit Regenwasser volllaufen stecke ich mir die Stöpsel wieder in die Ohren. Jetzt höre ich The Prodigy.

#13

Der alte Mann kuckt mürrisch und ich bin mir sicher, gleich von ihm angeraunzt zu werden, weil ich meine Hündin nicht an der Leine führe. Als ich auf seiner Höhe bin, entpuppt er sich als Frau, setzt ein Lächeln auf, bittet um Entschuldigung und streckt mir eine Postkarte entgegen. „Ob’s mir die bitt’schön vorlesen könnten?“ „Sicher, gerne. Bonjour Omi, viele Grüße aus Paris. Bussi, Silvia.“ – „Hach. Schee. No‘amal.“