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#40

Ich drücke Markus immer, aber heute muss ich ihn auf seine stachlige Wange küssen. Die Maschine über ihm fängt sofort an gelb zu blinken, als ich ihn berühre, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig. Wenigstens klingelpiept sie nicht, andernfalls hätte ich offenen Streit mit ihr.

Ich erkläre Markus, wie er dieses Tablet bedienen muss um an meine eBooks zu kommen, dass er Tschick. zuerst lesen muss und wo der Stecker zum Aufladen hinkommt. Markus erklärt mir, was ein Herzkatheder ist, und dass man dadurch winzige Röhrchen aus geflochtenem Draht in Blutgefäße fädeln kann, um sie dort zu stabilisierenden Tunneln aufzublasen. Ich frage ihn, was er für Sachen macht, er weist mich daraufhin, wie seine Mutter zu klingen. Wir lachen.

Als wir wieder ernst sind sprechen wir über die Angst vor der Angst und die künftige Notwendigkeit der Vermeidung von Alleinesein. Herrndorf lehrt, setze ich an – und wäre mir eine harmlosere Fortführung des Satzes eingefallen, hätte ich sie gesprochen, aber so musste ich das sagen, was ich dachte, nämlich – Herrndorf lehrt, der Feind der Angst ist nicht allein Gesellschaft, sondern vor allem Arbeit und Struktur. Dann schweigen wir ein bisschen und hören den anderen Patienten im Zimmer beim Schnarchen zu.

#37

Es ist keine Fügung, höchstens Zufall und zwar ein lausiger, denn ich habe nachgeholfen. Andauernd berichtet Herrndorf in „Arbeit und Struktur“ vom Schwimmen im Plötzensee und weil der gar nicht weit von mir ist, will ich ihn wenigstens mal sehen an diesem übertrieben schönen Herbsttag. Zum Schwimmen ist mir längst zu kalt. Ich muss zwei Stadtautobahnen passieren und denke, so hässlich wie der Weg zu ihm ist, können der Plötzensee und ich niemals Freunde werden. Werden wir dann aber doch, denn im Biergarten am Ufer ist „Absaufen“ wegen Saisonende, also alles billig. Zuhause lese ich „Arbeit und Struktur“ fertig und schaudere. Als ich mich auf dem Heimweg verlaufen habe, passierte ich genau die Stelle, an der sich Herrndorf im letzten Jahr erschoss. Mir schnürt es den Hals zu, aber nicht wegen magischen Denkens oder weil ich mich Herrndorf, den ich niemals traf, plötzlich so nah fühle. Wie ihn erschreckt mich, wie egal alles ist, wenn man einen Schritt zurück tritt.