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#35

„Sehen Sie nur! Sehen Sie nur!“, flüstert die Frau in mein Ohr, nachdem ich meine Kopfhörer abgesetzt habe. Ich reibe mir die Augen und brauche eine Sekunde um zu realisieren, wo ich bin (im ICE irgendwo bei Wittenberg) und wann jetzt ist (Freitagnachmittag auf dem Weg nach Hause). Ich starre die Frau an (kurze, gelockte, dunkelblonde Haare, Brille mit Goldrahmen, Lippenstift in koralle) und erwarte eine Erklärung dafür, warum sie mich so unvermittelt auf freier Strecke weckt (Pieksefinger, Schulter).  „Was denn los?“, frage ich mit vom Schlaf belegter Stimme, woraufhin die Frau ihren Pieksefinger mit gleichem Eifer gegen das Zugfenster richtet. „Wow!“, entfährt es mir, als ich den kräftigen doppelten Regenbogen sehe, der irgendwo über dem Zug aus dem Himmel fährt und mitten in einem Dorf entlang der Bahnstrecke sein Ende findet. „Das dürfen Sie doch nicht verpassen!“, sagt die Frau entschuldigend. „Nein. Ja. Danke. Wahnsinn.“, sage ich. Ich bin immer noch sehr verschlafen. „Ich sage auch danke.“, erklärt die Frau. „Ich sage ‚Danke Natur'“, fügt sie an. Und während wir im Bauch des Schienenfahrzeugs mit 160 Kilometern pro Stunde in die Hauptstadt schießen, sind wir in den folgenden Minuten gemeinsam ein bisschen traurig darüber, wie sehr sich unser grauer Alltag von seinem regenbogenfarbenen Ursprung entfernt hat.

#28

Ich sitze im Zug und will schreiben. Ich muss schreiben. Und ich kann schreiben, ich habe meinen Rechner dabei. Ich klappe ihn auf und schreibe. Aber es ist Freitagnachmittag, und der Zug ist voll, manche müssen sogar stehen. Mir ist plötzlich, als würde ein zweiter Cursor in meinem Dokument auftauchen und zwar genau dort wo die Augen des Mädchens neben mir gerade durch meinen Text scrollen. Ich stelle die Helligkeit meines Bildschirms auf minimal, aber das Mädchen kann meinen Text immer noch lesen. Und sie liest ihn, ich sehe das genau. Der Mädchencursor jagt meinen Cursor und als er ihn fast eingeholt hat, fange ich an, Obszönitäten zu schreiben. Ich schreibe von Schwänzen und Ärschen und von wilder Vögelei. Ich schreibe über Körperflüssigkeiten und verklebte Haare. Ich schreibe über wunde Knie. Zwei Seiten. Ich kapieren nicht, warum. Es ist ein Akt der Aggression, soviel ist mir klar, aber dass es mir nicht so peinlich ist, wie es müsste, verstehe ich nicht. Der Mädchencursor kollidiert mit meinem, ich bin nicht so schnell, der Zug wackelt und außerdem habe ich mich noch nicht so richtig an die Tastatur gewöhnt, der Rechner ist neu. Das Mädchen wendet sich ab und kramt in ihrer Tasche. Endlich habe ich sie verschreckt, denke ich. Ich spähe hinüber zu ihrem Buch, aber weil ich so furchtbar diskret bin, erkenne ich nur den in fetten Lettern gesetzten Titel. „Lust“. Ich habe sie nicht verschreckt. Ich habe sie gelangweilt.