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#44

Es klingelt. Ich bin genervt. Ich erwarte niemanden. Ich wäre gern einer von denen, dessen Tür seinen Freunden jederzeit offensteht, aber die traurige Wahrheit über mich ist: Ich habe sehr gern meine Ruhe. Und für heute Abend kein Essen bestellt. Auch kein Paket. Auch keine Zeugen Jehovas, die trauen sich bestimmt nie wieder, bei mir zu klingeln.

„Hallo?“, seufze ich in die Gegensprechanlage, unverständliches Geschrei gibt sie zurück. „Was?“, raunze ich? „Süßes, sonst gibt’s Saures!“, kapiere ich endlich. Augenblicklich hänge ich den Hörer auf.

Zurück an meinem Schreibtisch will ich weiterarbeiten, aber ich kann nicht. Ich stiere ich ein paar Sekunden aus dem Fenster in die Dunkelheit und frage mich, ob ich nicht vielleicht doch genau die Art Mensch geworden bin, die ich nie werden wollte. Na klar: Halloween. Amerikanischer Kulturimperialismus, zuckerindustriebefeuerte Dickmach-Karies-Maschine, seelenlose Konsumkacke. Aber doch auch: Kinder, die sich verkleidet haben, damit sich einmal die Erwachsenen vor ihnen fürchten und nicht umgekehrt.

Ich stürze zurück zur Gegensprechanlage und rufe „Hallo!“, aber am anderen Ende ist niemand mehr. Ich hätte sowieso nur Mikrowellenpopcorn im Angebot gehabt.

#26

Wenn Kinder fragen, ob sie meine Hündin streicheln dürfen, sage
ich nein und frage zurück, ob sie sich selbst von Wildfremden streicheln lassen
würden. Klar ist ja wohl: Wenn der Finger ab ist, oder die ganze Hand, bin ich
Schuld und nicht das übergriffige Kind. Eine Antwort bekomme ich darauf nie,
aber immerhin haben meine Hündin und ich dann unsere Ruhe. Außer heute. Heute
verkündete die kleine Viviane: „Ich will aber!“ Tja, so ist das im Leben, kleine
Viviane, dachte ich. „Man bekommt aber nicht immer was man will im Leben,
Viviane.“, sagte Vivianes Mutter, als sei sie eine Seelenverwandte. „Hm.“, sagte
Viviane, „ist irgendwie ganz schön doof, das Leben. Oder?“ Vivianes Mutter warf
lachend den Kopf in den Nacken und ich senkte den Blick und ärgerte mich über
meine Borniertheit.