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#40

Ich drücke Markus immer, aber heute muss ich ihn auf seine stachlige Wange küssen. Die Maschine über ihm fängt sofort an gelb zu blinken, als ich ihn berühre, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig. Wenigstens klingelpiept sie nicht, andernfalls hätte ich offenen Streit mit ihr.

Ich erkläre Markus, wie er dieses Tablet bedienen muss um an meine eBooks zu kommen, dass er Tschick. zuerst lesen muss und wo der Stecker zum Aufladen hinkommt. Markus erklärt mir, was ein Herzkatheder ist, und dass man dadurch winzige Röhrchen aus geflochtenem Draht in Blutgefäße fädeln kann, um sie dort zu stabilisierenden Tunneln aufzublasen. Ich frage ihn, was er für Sachen macht, er weist mich daraufhin, wie seine Mutter zu klingen. Wir lachen.

Als wir wieder ernst sind sprechen wir über die Angst vor der Angst und die künftige Notwendigkeit der Vermeidung von Alleinesein. Herrndorf lehrt, setze ich an – und wäre mir eine harmlosere Fortführung des Satzes eingefallen, hätte ich sie gesprochen, aber so musste ich das sagen, was ich dachte, nämlich – Herrndorf lehrt, der Feind der Angst ist nicht allein Gesellschaft, sondern vor allem Arbeit und Struktur. Dann schweigen wir ein bisschen und hören den anderen Patienten im Zimmer beim Schnarchen zu.

#39

Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht „Hey Markus!“ zu rufen, als ich Markus‘ Wohnung betrete. Ich versuche zu überschlagen, wie oft ich in den letzten zehn Jahren Markus‘ Wohnung betreten und „Hey Markus!“ gerufen habe, aber als die Zahl dreistellig wird, gebe ich auf. Markus hat die Angewohnheit, die Wohnungstür schon anzulehnen, wenn er den Türöffner der Haustür betätigt, so dass es nichts Ungewöhnliches für mich ist, in seine Wohnung zu gehen und ihn nicht sofort zu sehen und nicht sofort zu wissen, wo er ist. Heute weiß ich, warum ich ihn nicht sehe: Er ist nicht hier. Und heute rufe ich nicht, denn in seinem Krankenbett kann er mich nicht hören.

Er hat mir eine Liste geschrieben, mit Dingen, die er braucht: Zahnbürste, Rasierer, Unterhosen, Deo, Zeug. Ich gehe zu seinem Schreibtisch, sichere seine Dokumente und fahre seinen Rechner runter. Der gestern frisch gepresste Orangensaft neben dem Laptop ist ein Eintagsfliegenmassengrab, ich schütte ihn weg. Den Kaffee, schütte ich auch weg. Ich durchsuche Schubladen, in der Hoffnung seine Ersatzschlüssel zu finden. Ich laufe alle Steckdosen ab, auf der Suche nach seinem Handyladegerät. Ich gehe pinkeln, weil es mich beruhigt, irgendetwas hier wie immer zu machen.

Ich habe allen erzählt, Markus hätte eine fabelhafte Wohnung. Ich hielt Markus‘ Wohnung für fabelhaft, weil es mir immer gut ging hier. Heute ist nichts wie immer und manches nicht mehr wie vorher. Eine Wohnung ist eine Wohnung. Ich leere den Briefkasten und bringe den Müll raus.

#38

Ich drücke den kleinen Edelstahlknopf und höre über den Lautsprecher, wie eine Telefonverbindung aufgebaut wird. Ich erkläre wer ich bin, wer Markus ist und seit wann er hier ist, und dass ich zu ihm muss, damit er mir seinen Wohnungsschlüssel geben kann, damit ich in seine Wohnung kann, damit ich ihm ein paar Sachen hole, damit er hier ein paar Sachen hat. Die Schwester fast zusammen, dass ich also jemanden besuchen wolle und ich schüttle den Kopf, sage aber ja. Sie legt auf, ich warte.

Die Tür öffnet sich, eine Schwester tritt heraus. Ich denke, sie will mich abholen, sie denkt, dass ich hier falsch bin, ich überzeuge sie mühsam vom Gegenteil. Eine zweite Schwester tritt heraus und holt mich ab. Am Tresen übergibt sie mich einer dritten Schwester, die will noch schnell einen Satz zu Ende schreiben. Die Maschinen auf Intensivstationen piepen heutzutage nicht mehr, sie klingeln. Ein albern künstlich altmodisches Elektronikklingeln, das so aufdringlich angenehm sein möchte, dass fast zynisch ist. Die dritte Schwester führt mich zu Markus‘ Zimmer, aber die Tür zu Markus Zimmer ist zu. Sie bittet mich, hier zu warten, nein nicht hier, bitte noch einen Schritt zur Wand. Das ist ein Operationsbereich, sie dürfen hier eigentlich nicht stehen, verstehen sie. Eine vierte Schwester kommt und sagt mir, dass sich Schwester drei leider geirrt habe und ich hier tatsächlich keinesfalls stehen dürfe, dass sei nämlich ein Operationsbereich, aber dort hinter der Automatiktür könne ich warten.

Es ist offenbar erlaubt, hinter der Automatiktür zu stehen, aber es ist leider nicht möglich. Die Tür öffnet und schließt sich permanent und knallt mir gegen die Schulter. Ich trete einen Schritt zurück und stehe auf der Schwelle zu einem Krankenzimmer in dem unter Masken und Schläuchen zwei Menschen elektronisch beklingelt werden. Eine fünfte Schwester kommt aus dem Zimmer auf mich zu und fragt mich, wer ich bin und was ich hier wolle. Ich bin erleichtert, als Schwester drei wieder auftaucht und mich endlich zu Markus führt. Markus lacht und freut sich, als er mich sieht, und ich freue mich, als er mich anlacht und bin erleichtert.