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#49

Als wir in die U-Bahn steigen, drängt sich eine energische kleine Frau zwischen uns. Du setzt dich ans Ende des Wagens, wo die Hündin gut liegen kann, ich setzt mich schräg gegenüber zwischen zwei über ihre Handys gebeugte Männer. Wir akzeptieren die Herausforderung. Das Spiel beginnt, die Regel ist bekannt: Wir kennen uns nicht.

Nach zwei Stationen streifen sich rein zufällig  unsere Blicke. Ich lächle deinen Hund an, aber als ich aufsehe und deinen Blick kreuze, schalte ich von kindlich-fröhlich auf seriös-erwachsen, alle Fremden machen das so. Du musterst die anderen Fahrgäste, ich mustere dich. Du bist hübsch. Du siehst freundlich aus. Klug. Zärtlich. Du weißt dich zu kleiden. Langsam, versonnen befeuchtest du deine Lippen. Da schaue ich in die andere Richtung und lese die Promi-News auf dem Bildschirm an der Decke. Ich spüre, wie du mich ansiehst. Ich korrigiere meine Haltung, ich will erwachsen, unabhängig und interessant auf dich wirken. Ich lege mir einen Knöchel aufs Knie, es soll auch ein bisschen männlich sein. Als ich dich plötzlich wieder ansehe, hältst du meinen Blick. Deine Augen sind bunt und wenn man das bemerkt hat, kann man nicht mehr aufhören, dich anzusehen. Du legst den Kopf ein bisschen schräg und hebst fast unmerklich die Brauen. Ich lächele dich an, es passiert unwillkürlich. Du lächelst zurück, feiner als ich. Du bist elegant. Ich würde dich gern kennenlernen.

#30

Ich stehe vorm Spiegel und finde mich völlig ungefährlich. Ich sehe jungenhaft aus und kultiviert im Sinne von harmlos. Ich versuche, böse zu kucken, aber es wird nicht viel besser, vielleicht auch, weil eine Zahnbürste in meinem Mundwinkel hängt. Trotzdem: Wahrscheinlich hatte ich Glück gestern Nacht: Ich fahre mit meiner Hündin in der U-Bahn nach Hause und in Jungfernheide steigt ein Typ ein. Größer als ich, muskulöser als ich, arabischer Phänotyp. Er stiert auf sein scheiß Handy und tritt meine Hündin, die jault. Den Typ interessiert das kein bisschen, er läuft einfach weiter, ohne wenigstens mal aufzusehen. „Mann!“, rufe ich ungezügelt, „Haste keene Oogn im Kopp?“ Als ich mich so hilfsberlinern höre, fällt mir ein, dass ich betrunken bin. Der Typ bleibt stehen, dreht sich langsam zu mir um, schiebt seine dunklen Augenbrauen zusammen und ruft „Fick deine Mutter!“ durch den halben Waggon. „Zuerst ficke ich dich in deinen kleinen, engen Arsch!“, höre ich mich zurückbrüllen, noch bevor seine Beleidigung verhallt ist. Ah, das meinen sie also, wenn sie sagen, Alkohol enthemmt, denke ich dann. Und: Wenn der jetzt kommt und meine Brille kaputt macht, bin ich geliefert. Und: Sei froh, wenn er nur deine Brille kaputt macht und nicht deine Zähne. Und dann noch: Lieb von dir, Hündchen, dass du dich ablegst und so tust als seist du aus Plüsch, während ich hier eine dicke Lippe für dich riskiere.
Der Typ starrt mich an. Ich starre zurück. Meine Augen brennen noch vom Zigarettenrauch aber ich. Werde. Nicht. Zwinkern. Der Typ nimmt eine Hand von seinem Handy und macht eine Faust. Ich bin unsicher, ob mich das ängstigt oder belustigt. Erst in dem Moment, in dem er seinen Blick abwendet und seine Faust ansieht, weiß ich, dass ich gewonnen habe. Er sieht wieder mich an und bewegt seine Lippen, aber ich höre nichts. Dann winkt er ab, dreht sich um und setzt sich mit dem Rücken zu mir irgendwo ins andere Ende des Waggons.
Ich habe einer macht-sexistischen Beleidigung mit einer homophoben macht-sexistischen Beleidigung pariert. Ich hatte schon befriedigendere Triumphe.