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#72 Mutig mir vorweg

Ich bewundere F. seit dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah. Das war im Herbst 2014. Ich saß an meinem Arbeitsplatz, meine bockige Chefin neben mir. F. lief vor unseren Schreibtischen auf und ab und telefonierte mit einem Techniker. Ich erinnere mich noch an ihre Stiefel. Feine, schwarz, mit kleinem Absatz und hohem Schaft. Wie sie darin sieben Schritte lief, am Fenster Kehrt machte, sieben Schritte bis zu meinem Platz lief und wieder Kehrt machte. Sie marschierte nicht, aber sie wollte vorwärts kommen.

Nichts funktionierte. Es war der erste Tag meiner Abteilung in der anderen Firma und wir konnten nicht arbeiten. Es war die Aufgabe von F. das zu ändern. Und sie würde sie erfüllen. Ich an ihrer Stelle würde schwitzen, fluchen, mich entschuldigen, in lächerlicher Pose unter dem Tisch knien um alle Kabelverbindungen zu prüfen. F. nicht. F. lief sieben Schritte hin und sieben Schritte her und organisierte eine Lösung. Gelassen, klar, mit einem Lächeln .

Ich konnte nicht wissen, dass F. eine so enge Freundin werden würde, drei Jahre später. Dass ich Guacamole fürs Familienabendessen in ihrer Küche zubereiten, ihre Söhne im Sack auf meinem Rücken durch die Wohnung tragen und Tarot mit ihr legen würde. Dass wir einander vertrauen und anvertrauen würden. Aber ich habe mir das gewünscht.

Heute stellt F. eine Weiche in ihrem Leben. Und ich sehe sie das tun und weiß, das stellt auch eine Weiche für mich, denn ein Teil von mir ist auch Teil ihres Zuges. Inmitten dieser Jahresauftaktveranstaltung auf der sich die Angestellten der Firma gegenseitig versichern, was für eine coole Company wir sind und sich gegenseitig einnorden auf den Kurs des neuen Jahres, inmitten dieser Veranstaltung steht F. in einer Kaffeepause an einem dieser bodentiefen Fenster die man nicht öffnen kann, wendet den Blick nach draußen in den blassblauen Januar und telefoniert. Und ich sehe sie das tun und ich weiß, das ist das entscheidende Telefonat. Jemand macht ihr ein Angebot. Ich weiß es so sicher, dass ich mein Telefon zücke und sie fotografiere. Sie trägt schwarz, aber einen gelben Rock. Gelb ist meine Lieblingsfarbe.

Morgen wird F. kündigen. Ja, sie hat ein Angebot, aber sie hat keinen neuen Vertrag. Ja, sie ist seit ihrer Ausbildung in dieser Firma, sie ist seit 20 Jahren in dieser Firma, aber sie kann kein weiteres Jahr hier sein. Sie glaubt nicht mehr an das was wir tun. Sie steht nicht hinter den Entscheidungen dieses Geschäftsführers. Sie ist nicht bereit in einem Teil ihres Lebens, der so viele Stunden beansprucht solche großen Kompromisse zu machen. Sie hat es gesagt, man hat sie gehört, nichts hat sich geändert.  F. ist mutig und konsequent. F geht.

Mir vorweg.