#70 Anfang

Du wachst auf, setzt dich, setzt die Füße auf die rauen Dielen, stellst dich, läufst drei Schritte zum Fenster, stehst dort. Der Morgen ist jung, alle anderen schlafen noch. Durchs Fensterglas spürst du die Kühle auf Stirn und Wangen. Du befeuchtest deine Lippen. Es ist Schnee gefallen über Nacht – reichlich. So reichlich, dass der Hof kaum vom Weg und der Weg kaum vom Feld zu unterscheiden ist. Du solltest raus gehen, findest du. Aber du bist dir nicht sicher, ob um Holz zu holen oder um der erste zu sein, der Schritte in die Landschaft setzt und den Hof vom Weg und den Weg vom Feld unterscheidet. Vielleicht einfach um zu sehen, wohin das Weiß dich zieht.

Stimmt das? Liegt das neue Jahr vor dir wie eine unbetretene, unberührte Landschaft? Liegt es vor die, wir ein unbeschriebenes Blatt, wie ein leeres Buch, eine unmöblierte Wohnung, ein ungebautes Haus? Oder bist du nicht längst auf dem Weg, wie alle, wie immer? Gibt es nicht längst feine Fäden, Gespinst, Seilschaften, Verstrickungen, die dich ziehen vom klaren A zum klaren B? Sind deine Zähne scharf genug? Schneiden deine Krallen? Und traust du dich?

Schreib mir eine Karte in 364 Tagen. Doch Obacht, vielleicht bin ich verzogen.

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