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#38

Ich drücke den kleinen Edelstahlknopf und höre über den Lautsprecher, wie eine Telefonverbindung aufgebaut wird. Ich erkläre wer ich bin, wer Markus ist und seit wann er hier ist, und dass ich zu ihm muss, damit er mir seinen Wohnungsschlüssel geben kann, damit ich in seine Wohnung kann, damit ich ihm ein paar Sachen hole, damit er hier ein paar Sachen hat. Die Schwester fast zusammen, dass ich also jemanden besuchen wolle und ich schüttle den Kopf, sage aber ja. Sie legt auf, ich warte.

Die Tür öffnet sich, eine Schwester tritt heraus. Ich denke, sie will mich abholen, sie denkt, dass ich hier falsch bin, ich überzeuge sie mühsam vom Gegenteil. Eine zweite Schwester tritt heraus und holt mich ab. Am Tresen übergibt sie mich einer dritten Schwester, die will noch schnell einen Satz zu Ende schreiben. Die Maschinen auf Intensivstationen piepen heutzutage nicht mehr, sie klingeln. Ein albern künstlich altmodisches Elektronikklingeln, das so aufdringlich angenehm sein möchte, dass fast zynisch ist. Die dritte Schwester führt mich zu Markus‘ Zimmer, aber die Tür zu Markus Zimmer ist zu. Sie bittet mich, hier zu warten, nein nicht hier, bitte noch einen Schritt zur Wand. Das ist ein Operationsbereich, sie dürfen hier eigentlich nicht stehen, verstehen sie. Eine vierte Schwester kommt und sagt mir, dass sich Schwester drei leider geirrt habe und ich hier tatsächlich keinesfalls stehen dürfe, dass sei nämlich ein Operationsbereich, aber dort hinter der Automatiktür könne ich warten.

Es ist offenbar erlaubt, hinter der Automatiktür zu stehen, aber es ist leider nicht möglich. Die Tür öffnet und schließt sich permanent und knallt mir gegen die Schulter. Ich trete einen Schritt zurück und stehe auf der Schwelle zu einem Krankenzimmer in dem unter Masken und Schläuchen zwei Menschen elektronisch beklingelt werden. Eine fünfte Schwester kommt aus dem Zimmer auf mich zu und fragt mich, wer ich bin und was ich hier wolle. Ich bin erleichtert, als Schwester drei wieder auftaucht und mich endlich zu Markus führt. Markus lacht und freut sich, als er mich sieht, und ich freue mich, als er mich anlacht und bin erleichtert.

#36

Ich komme aus der Dusche und ich spüre noch die Hitze. Jene, die ich mir minutenlang in den Nacken habe prasseln lassen und auch jene, die wir vorher ineinander erzeugt haben, durch Reibung wahrscheinlich. Ich greife zu meinem Telefon, weil ich immer als nächstes zu meinem Telefon greife, und während ich den Luftzug genieße, den die Nacht vom offenen Fenster her ins Zimmer schickt, bekomme ich Gänsehaut. Mit dem Luftzug hat die aber nichts zu tun. Ich habe neun SMS und zwei Anrufe. Meine Mailbox ist aus, die SMS sind unverständlich. Richtiggeschrieben sind die Worte „Notaufnahme“, „Herzsache“ und „morgen Sachen aus meiner Wohnung holen“.  Er steht auf und kommt zu mir. „Bist du okay?“, fragt er, ich muss kreidebleich sein. „Markus ist im Krankenhaus!“ sage ich und er fragt „Wer ist Markus?“. Natürlich, er kennt Markus nicht, er kennt ja mich kaum, ich winke ab. Ich wähle Markus‘ Nummer, Markus drückt mich weg. „ITS“, schreibt er per SMS. „Was zum Teufel?“, antworte ich. „Intensivstation. Handyverbot. Kommst du morgen?“ Verdammt: Ja. Verdammt: Ich hätte jetzt da sein sollen.