Schlagwort-Archive: Krankheit

#66 (Weichtier)

Seit elften Mai soll ich das Bein hochlegen und das Haus nur verlassen, um sicherzustellen, dass ich nicht verhungere. Ich soll wenig laufen, nicht rennen, nicht radfahren, nicht schwimmen und zu Hause nicht trainieren. Mein Bein ist kompliziert gebrochen und es dauert eben. Ich halte kaum aus, was das mit meinem Körper macht.

Ich verwandele mich in ein Weichtier. Ich spüre keine Muskulatur mehr ich kann auch keine Muskulatur mehr ertasten. Wenn ich aufgestaute Energie abbaue, in dem ich unterm Tisch mit dem gesunden Bein wippe, wackelt mein Oberschenkel wie Pudding. Meine Brust fühlt sich an, als wäre ich ein pubertierendes Mädchen. Wenn ich sitze habe ich das Gefühl in mich zusammenzurutschen, wie ein Igel der sich wehrt.

Ich vermeide es in den Spiegel zu sehen und ich versuche auch zu vermeiden, meinen Körper zu lange anzusehen. Mein Körper ist ein abgewohntes Zimmer und mein Bewohner ignoriert die vergilbten Ecken, als sei er für die Renovierung zu faul. Ich fühle mich faul, träge und ungenießbar.

Ich esse wenig, viel weniger als sonst, aber ich spüre, wie ich zulege, denn ich verbrenne nichts. Ich vermeide Kleidungsstücke, die mir diesen Eindruck quittieren, ich weiß, dass es so ist. Vor ein paar Wochen habe ich mich mal gewogen, das hat alles schlimmer gemacht, seitdem esse ich nicht weniger, aber mit schlechterem Gewissen.

Ich fühle mich aufgequollen, wie ein Brötchen, das man in einen Tümpel geworfen hat. Meine Kruste war nie knackig, aber jetzt ich habe ich keine Kruste mehr, ich fließe einfach so ins Zimmer.

Ich kompensiere körperliches Training mit geistigem. Ich pauke rastlos alles in mich hinein, das mir unterkommt. Ich lerne Russich und Französisch, ich lerne Bitcoin, Meditieren und vor allem lerne ich Geduld. Wenn man „Ich lerne Geduld“ sagt, klingt das, als hätte man seinen Frieden damit und es eigentlich schon geschafft. Einen Scheiß habe ich. Einen wabbligen, konturlosen Scheiß.

Ich male mir aus, was ich tue, wenn ich wieder gesund bin. Mit dem Rad um den See. Im Unterhemd zum Fitnesstraining. In irgendetwas, das mir noch passt in den Club. Ich will mich verausgaben beim Strampeln, Stemmen, Tanzen. Ich will, dass mir der Schweiß brennend in die Augen läuft. Ich will beim Keuchen meine Lunge hören und vor Anstrengung meinen Puls. Ich will meinen Körper zurück.

Mein Körper braucht Ruhe, sagt die Ärztin. Er will benutzt sein, sage ich. Sie gewinnt und schreibt mich noch zwei Wochen krank.

#64 (Im Watt des Samstagsmeeres)

Ich bin wach, aber ich weigere mich, meine Augen zu öffnen, mir fällt kein Grund ein. Die Singvögel haben sich verzogen, inzwischen kämpfen zwei Krähen um den besten Platz, ein totes Kaninchen oder meine Aufmerksamkeit; letztere will ich ihnen entziehen. Ich überlege, welcher Tag heute ist; ich weiß es nicht, ein Tag eben. Ein bisschen fühle ich mich wie Sonntag. Sonntag bedeutet: Der Tag steht zur freien Verfügung, aber er ist eine Art Schonfrist. Nach ihm folgt unweigerlich Montag, unnachgiebig, ungnädig, mit allen seinen Anforderungen. Ich bin noch krank, fällt mir ein; mir fällt das schon über viele Wochen hinweg jeden Morgen ein, so oft, dass ich es gar nicht mehr bewerte. Irgendwann, stelle ich mir vor, wird bestimmt wieder Montag sein; morgen jedenfalls nicht.

Meine Schulter ist kalt, sie war unter der Decke hervor gerutscht; ich decke sie zu. Zu spüren, wie sich die Kälte zurückzieht, wie sie schmilzt, gleich einem Stück Butter in der Pfanne, ist der erste Triumph des Tages. Ich überlege, wel-che weiteren Triümphe ich dem Tag abringen könnte und dann frage ich mich, ob Triümphe wirklich der plural von Triumph ist und ob ein Triumph nicht vielleicht schon reicht. Gefühlt ist jeder freie Tag, der nicht an einen Tag grenzt, der mit Anforderungen gespickt ist Samstag. Ich liebe Samstage, das heißt, ich habe Samstage immer geliebt, inzwischen bin ich gegenüber Samstagen gleichgültig geworden, wie man gegenüber Muscheln gleichgültig wird, wenn man am Meer lebt. Ich lebe in einem Meer aus Samstagen, genauer gesagt lebe ich im Watt des Samstagsmeeres, knietief. Hier ist alles weich und weit, aber eben auch sehr schlammig; jedenfalls komme ich nicht vorwärts.

Ich denke, ich könnte, und dann kann ich nicht mehr genau sagen, was ich denke, weil so viele Gedanken durcheinanderschießen, dass es mich überfordert. Gemessen an den letzten Tagen, lohnt auch der Aufwand nicht, Ordnung ins Geschieße zu bringen, weil ich von dem, was ich tun könnte doch nichts tun werde, das sagt meine Erfahrung.

Diese Lethargie ist neu für mich, gut, so neu nun auch wieder nicht mehr. Ich nehme mir vor, wenigstens eine Seite zu schreiben heute. Wäre geschafft.