Schlagwort-Archive: Trauer

#68 (Rocks me)

Immer wenn die Party ein bisschen ins Stocken gerät – zur Kinderdisco, während der Tombola, beim Baumstammsägen, blitzt es wieder in mein Bewusstsein. Heute ist der sechsundsechzigste Geburtstag meiner Mutter. Oder wäre. Sind Geburtstage auch dann, wenn die Personen, die ihn hätten nicht mehr sind? Egal, denke ich. Warum soll ich mich nicht amüsieren, denke ich, vom Betrauern ist noch niemand wiederauferstanden. Ich drücke meine Zigarette aus, ich stehe auf, ich gehe zu den anderen, ich hebe die Mundwinkel, ich feiere mit. Krebs ist ein Miststück, denke ich, und weil ich nicht wissen kann, ob er vielleicht auch schon in mir wuchert, sollte ich was auch immer feiern, so lange und so wild ich kann. Der Alleinunterhalter legt we will rock you auf und das Brautpaar kniet schon in der Mitte des Saales um im rhythmischen Wechsel auf den Boden oder in die Hände zu klatschen. Ich knie mich auch hin und steige mit ein. Boom boom tschak, boom boom tschak. Neben mir kniet eine ältere, korpulente Frau; sie schwitzt ein bisschen, aber sie riecht nach Lavendel. Als das herbe Gitarrensolo einsetzt wirft sie lachend den Kopf in den Nacken, woraufhin ich aus dem Takt komme. Ihre Perücke fliegt im hohen Bogen von ihrem Kopf und rutscht auf dem Parkett irgendwo unter das Büffet. Ich sehe ihr erschrocken nach. „Jetzt machense nich so’n Gesicht“, lacht die Frau, „Ihre Haare sind auch nicht länger. Und sie haben keine Vorstellung davon, wie heiß das unter dem Ding ist.“ In der Mitte des Kreises von Klatschenden steht der Bräutigam und eskaliert an der Luftgitarre, die ältere Dame neben mir steckt sich zwei Finger in die Mundwinkel und pfeift. Ist das jetzt ein Zeichen, oder was, frage ich mich. Egal, denke ich dann wieder. Richtig ist, das zu tun was ansteht. Bei der nächsten Strophe richte ich mich auf und gröle mit.

#31

Ich habe eine Trauerkarte zu schreiben, aber wie schreibt man eine Trauerkarte? Die Schatten des Birkenlaubs tanzen wie wild auf dem weißen Papier; draußen findet ein fabelhafter Herbsttag statt. Hier drin hingegen verharrt die Spitze meines Kugelschreibers seit Minuten reglos über der Seite. Die Worte „aufrichtig“, „Beileid“ und „Verlust“ möchte ich vermeiden, sie können nicht mehr als ein Schulterzucken bedeuten. Ich versuche mich an Trauerkarten
zu erinnern, die ich erhalten habe. Eine einzige fällt mir ein. Sie erreichte mich nach dem Tod meiner Mutter. Eine Nachbarin hatte hinein geschrieben: „Die Mutter war’s. Was braucht’s der Worte mehr?“ Das fand ich gut. Sterben ist beschissen. Übrigbleiben ist noch beschissener. Was soll das ganze Geschwurbel?