#73 Die Ungeduld des Verwöhnten

Ich sitze beim Arzt. Keine Notaufnahme, kein Notfall, mir tut nichts weh. Aber ich koche vor Wut.

Ich habe einen Termin für eine Impfung. Ich bin privilegiert genug, während der Arbeitszeit einen Arzttermin wahrnehmen zu können, dessen Zweck es ist zu verhindern, dass ich mir in Zukunft eine Krankheit einfange, vor der ich mich auch durch Anpassung meines Verhaltens schützen könnte.

Es geht um Affenpocken. Ich bin homosexuell, ich schlafe mit mehr als einem Mann, ich gehöre zur Risikogruppe.

Mein Termin hätte vor 70 Minuten stattfinden sollen. Keine der Personen, die im Wartezimmer saß, als ich platz nahm, sitzt da noch. Alle anderen wurden bereits aufgerufen. Ich scrolle zum dritten Mal durch meine Apps, aber ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. In der Praxis arbeiten zwei Ärzte und derjenige, bei dem ich bestellt bin, schafft einen Patienten, während der andere Arzt drei behandelt. Ich stehe auf, laufe einmal im Wartezimmer auf und ab, komme mir blöd deswegen vor, schenke mir ein Glas Wasser ein, leere es, laufe zurück zu meinem Stuhl und setze mich wieder. Ich wippe nervös mit den Beinen.

Ich lebe in einem Land, dass Affenpocken-Impfstoff bestellt und dafür sorgt, dass er Mitgliedern von Risikogruppen in den Arm gespritzt wird – falls diese das wollen. Bezahlt wird der Impfstoff von der Allgemeinheit, auch der Arzt, das geheizte Wartezimmer und die saubere Spritze. Ich lebe in einem Land, in dem es Mitgliedern einer Risikogruppe nicht unangenehm sein muss, Mitglied einer Risikogruppe zu sein, auch dann nicht, wenn das Risiko ihrem eigenen Verhalten entspringt.

Das alles ist mir bewusst. Aber. Ich kann nicht umhin, es unfassbar unverschämt zu finden, mich hier 70 Minuten warten zu lassen – schließlich habe ich einen Termin. Wozu mache ich Termine, wenn ich dann trotzdem 70 Minuten warten muss? Ist das eine Praxis für Erwerbslose oder Rentner oder Privatiers, die es einrichten können, außer diesem Arzttermin keinen weiteren Termin an diesem Tag zu haben? Ist das eine Praxis, die die Lebenszeit ihrer Patienten wertschätzt? Ist das eine Praxis in der Ärzte ihr verkümmertes Sozialleben mit belanglosem Geplauder mit attraktiven Patienten aufzuhübschen versuchen? Eine gut organisierte Praxis ist das jedenfalls nicht.

Ich versuche mich zu beruhigen. Ich atme, ich zähle, ich beruhige mich nicht. Ich versuche, etwas auf meinem Telefon zu lesen, aber ich interessiere mich für nichts. Ich stehe auf und laufe noch eine Runde durchs Wartezimmer. Die anderen Patienten – korrigiere: Wartenden – sehen auf und wieder ab, mir egal, was die denken.

Ich laufe zur Rezeption und frage, ob alles seine Richtigkeit hat und ob ich nicht schon längst hätte dran sein müssen. Ich bin freundlich aber klar, der Rezeptionist in der grünen Satinbluse ist verständnisvoll und bemüht. Ich sei der nächste. Es tue ihm alles sehr leid.

Ich setze mich wieder und wippe weiter nervös mit den Beinen. Tatsächlich habe ich einen dienstlichen Termin in 40 Minuten, aber natürlich könnte ich den absagen, wie man die meisten Geschäftstermine einfach absagen kann, niemand stirbt, die Welt dreht sich weiter. Meine Gesundheit sollte mir doch das wichtigste sein, versuche ich mir einzureden um mir im gleichen Moment zuzuzischen, dass mir meine Gesundheit ganz offensichtlich bereits das wichtigste ist, andernfalls wäre ich ja nicht hier. Wie privilegiert ich bin, überhaupt eine Impfung bekommen zu können, denke ich, als der Arzt aus seinem Behandlungszimmer kommt und einen anderen Patienten aufruft – nicht mich.

Ich laufe wieder zur Rezeption, ich muss es, es passiert, als sei ich dampfbetrieben und der Druck müsse irgendwo hin. Ich erkläre dem Rezeptionisten in der grünen Satinbluse, dass ich in 25 Minuten gehen werde – ob mit oder ohne Impfung. Und erst als ich das ausspreche wird mir klar, dass das niemandem schaden würde außer mir selbst. Der Rezeptionist ist aber gnädig und macht ein sehr schuldbewusstes Gesicht. Nun sei ich aber wirklich der Nächste, versichert er mir. Ob wir das alles in 25 Minuten überhaupt noch schaffen könnten, will ich wissen. Sicher, das können wir.

Der Arzt kommt aus dem Wartezimmer und begleitet seinen Patienten zur Rezeption. Ich kann nicht verstehen, was der Rezeptionist mit dem Arzt bespricht, aber gegen Ende des Gespräches verstehe ich doch ein Wort: Meinen Nachnamen. Auf dem Weg in sein Behandlungszimmer wiederholt ihn der Arzt. Ich bin aufgerufen.

Ich komme gar nicht dazu, meiner Frustration Ausdruck zu verleihen, weil sich der Arzt insgesamt dreimal bei mir entschuldigt. Konnte seinem Anspruch nicht gerecht werden. Normalerweise höchstens 15 Minuten, allerhöchstens 20. Er bitte vielmals um Verzeihung. Vielmals. Verzeihung. Plötzlich fühle ich mich wie der misratene Sohn der Prinzessin auf der Erbse und dem Kaiser aus dem Märchen über seinen neuen Kleider. Jemand sollte mir sagen, dass ich mich gefälligst nicht so haben soll, aber keiner tut es. Und ich bin mir selbst gegenüber offenbar keine ernstzunehmende Autorität.

Warum? Bin ich so furchteinflößend in meiner Wut? Ist der Arzt tatsächlich so fixiert auf das Wohl seiner Patienten? Oder ist dieser Beschwichtigungsschwall einfach der schnellste und effektivste Weg, eine potentiell unangenehme Situation zu neutralisieren?

Der Arzt fasst sich kurz, bringt mich dann in ein Zimmer hinter dem Rezeptionsbereich und impft mich. 7 Minuten nach dem ich aufgerufen wurde, verlasse ich die Praxis.

So unangemessen ich das inzwischen selber finde: meine Wut bleibt. Ich spüre sie noch, als ich längst wieder zu Hause an meinem Rechner sitze und mich auf meinen nächsten Termin vorbereite. Was bräuchte ich, um die Wut gehen zu lassen, frage ich mich. Ich habe doch alles bekommen: Meine Impfung, eine Entschuldigung und einen Freifahrtschein mich weiterhin riskant zu verhalten. Beim Mittagessen beschäftigt mich das Thema immer noch. Ich frage meinen Mann: Was bräuchte ich, um diese Wut endlich gehen zu lassen? Der schnauft kurz, lacht kurz, schüttelt kurz den Kopf und sagt: Mehr Probleme. Überleg dir gut, ob du das willst.

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