Archiv für den Monat: August 2014

#7

Ich bin dankbar, dass Stephané die Zitronenscheibe genau auf das tote Auge der riesigen gebratenen Forelle gelegt hat, vorm leeren Blick hatte ich mich am meisten gefürchtet. Mit dem Fischessen ist es aber wie mit dem Radfahren: Man verlernt es nicht. Mit geübten Handgriffen – Kopf ab, Schwanz ab, Gräte raus – filetiere ich den Fisch, mit Lust und Genuss fresse ich ihn, er schmeckt nach Salz, Butter & Zitrone. Der traurige Salat, lamentiert von wegen drei Jahren Veganismus, ich rülpse, er schweigt. Die Zigarette danach zünde ich am falschen Ende an, kein Wunder, ich bin Nichtraucher.

#6

Während ich mich keuchend an einem dünnen Drahtseil gen Gipfel ziehe, muss ich lachen. Stephané, unser Wirt, beschrieb die vor uns liegende Wanderung als „normal halt, ein Berg eben, aber sehr schön“. Das mit dem sehr schön stimmt, über das normal werde ich heute Abend beim Forellenessen mi ihm streiten. Am Gipfelkreuz trage ich unsere Namen ins Buch ein, schicke Mann & Hund ein Foto auf die halbe Strecke und dann lehne ich mich zurück und warte, bis mein Schweiß getrocknet ist.

#5

Als wir den Frühstücksraum schon verlassen haben, ruft uns die Wirtin „Momentchen!“ hinterher. Sie tritt aus einer kleinen Tür, die sich plötzlich in der dunklen Wandverkleidung öffnet und strahlt uns an. Sie lädt uns am Abend zum Verspeisen der Forellen ein, die ihr Mann heute im großen See fangen wird. Weil ich damit beschäftigt bin zu denken, dass es Forellen nur in fließenden Gewässern gibt, fällt mir nicht ein, dass ich seit Jahren keinen Fisch esse. Die Wirtin ist freundlich und schön und schweigt schon ein paar Sekunden und auch mein Mann sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich sage also: „Ja, danke, gerne!“ und sie sagt „Super, bis halb acht dann!“ und mein Mann murmelt kichernd „Du und Forellen, ich fass es nicht.“

#4

Meine Füße liegen auf der Brüstung zwischen den beiden Geranienkästen, ich schlürfe Kaffee aus einem schweren Keramikpott, zu dem man hier Haferl sagen muss. Mein Unterbewusstsein hat mir der Stimmung entsprechend ein Volkslied aus dem Musikunterricht herausgesucht und erst, als ich schon ansetzen will, es zu summen, betritt die Hollister-Familie geschlossen den Nachbarbalkon und mein Mann fängt an, mir von drinnen random news der IFA zuzurufen.

#3

Ich sitze an der „Donau blauem Ufer“ und reibe meinen Handrücken im Gras. Eben wischte ich mir damit die Reste von Erbrochenem von den Lippen. Ich will bitte, dass meine Hand nach Gras riecht. Ich will bitte aufhören zu schwitzen, es ist nicht heiß. Ich will bitte kein dummes Zeug mehr denken. Stattdessen denke ich: Die Donau war schon braun und träge, bevor ich die vorverdaute Linzertorte in ihr Wasser spuckte. Nett von ihr, dass sie mir trotzdem so bereitwillig die bleichen Knöchel kühlt. Ich will bitte wieder okay sein.

#1

Zehn Jahre lang hielt ich mich für einen Medienkünstler. Einmal im Leben wollte ich zur ars electronica nach Linz, wenigstens als Besucher. Heute bin ich in Linz, zufällig ist gerade ars electronica. Leider bin ich kein Künstler mehr sondern Tourist inzwischen. Ich traue mich nicht hinein. Ich fürchte mich vor alten Zeiten. Ich schreibe.