Archiv für den Monat: November 2014

#51

Wie manche ohne ein gutes Buch nicht einschlafen können, kann ich ohne den Deutschlandfunk nicht wach werden. Nur kurz vor acht muss ihn ausschalten, da kommt Sport, und kurz nach halb sieben, da kommt die Morgenandacht. Beides regt mich auf.

Gestern war ich im Bad, als die Pfarrerin zu sprechen anfing, und als mein Finger endlich auf dem Ausschalter des Radios im Wohnzimmer lag, hatte sie schon gewonnen. Ihr Trick war listig, sie las die ersten Zeilen eines Romans, den ich sehr liebe. Sie las aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Sie erklärte, dass das Jugendbuch in Wirklichkeit für Erwachsene ist, und der Roadmovie-Plot eigentlich beschreibt, worauf es im Leben ankommt. Bis hierhin waren wir uns einig. Als sie dann aber (man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen) „das Fazit“ verkündete, dass im Leben vieles anders sei, als es scheine, war mir als beiße ich in eine Zitrone. Aber wie man bei einem sich zutragenden Unfall nicht wegsehen kann, konnte ich auch jetzt nicht das rettende Knöpfchen drücken. Also erklärte mir die Pfarrerin als abschließend:

„Was bleibt, ist die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Barmherzigkeit, auf die wir alle – in unserer je eigenen Weise – angewiesen sind. Das gilt leider auch für den Autor des Buches, der im letzten Jahr mit gerade mal 48 Jahren starb.“

Ich musste dann schnell zurück ins Bad.

Wolfgang Herrndorf starb nicht. Er hat sich erschossen. Er hat sich erschossen, weil es für ihn leider keiner Barmherzigkeit gab, sondern einige Hirntumore eifrig dabei waren, „Gemüse aus ihm zu machen“. Und zwar ausgerechnet zu der Zeit, als eben dieser Roman abging wie eine Rakete, und er sich zum ersten Mal im Leben eine Wohnung mit Terrasse leisten konnte. In den Tagebüchern, die er während seiner Krankheit schrieb, beschimpft er die katholische Kirche für ihre alles andere als barmherzige Einstellung zu selbstbestimmtem Leben und: Sterben.

Und die Moral von der Geschicht? Versteht die Dame leider nicht.

#50

Ich höre Royksopp und denke zuerst, die alte Frau mit den vom feuchten Novemberwind zerzausten weißen Haaren, die sich mir in den Weg stellt ist Teil  des Videoclips, den mein Gehirn aus diesem grauen Nachmittag zusammenschneidet. Aber nein, sie ist Teil der Wirklichkeit, sie spricht mich an und mit den Ohrstöpseln aus meinen Gehörgängen, ziehe ich auch dem Musikvideo den Stecker.

„Könnse mir mal helfen, bitte?“
„Wobei denn?“
„Ich habe hier einen Fernseher im Kofferraum. Der muss da raus.“
„Wo soll der denn hin?“
„Na hier unter die Brücke.“
„Sie fragen mich, ob ich ihn beim Abladen von Sperrmüll helfe? Ernsthaft?“
„Brauchen Sie einen Fernseher?“
„Nein. Sie wohl auch nicht mehr?“
„Gut. Ich fahre den morgen weg. Aber ich muss was transportieren jetzt. Und da muss der Fernseher erstmal raus.“
„Ich glaube Ihnen nicht.“
„Na hören Sie mal.“
„Bis vor Kurzem stand hier noch ein Kopierer und eine Waschmaschine. Ich kenne diesen Platz.“
„Mein Name ist Winterkorn und ich habe den zweiten Garten da vorn. Sehen Sie die dunkelblaue Laube? Das ist meine. Glauben Sie mir doch! Ich schaff das nicht allein!“
„Okay. Ich werde ihnen helfen. Aber dann werde ich ihr Nummernschild fotografieren. Und wenn ich morgen hier vorbeikomme und der Fernseher steht noch da -“
„Meine Fresse, was bist du nur für ein Spießer!“
„Was?“
„Noch so jung aber schon so spießig! Furchtbar! Was soll nur aus dir werden!“

Wutentbrannt knallt die alte Frau den Kofferraum zu. Sie sieht ein bisschen unbeholfen aus, als sie in ihren nicht geschnürten Winterschuhen um ihren alten Mercedes zur Fahrertür stapft. Ich muss die Hündin beiseite zerren, damit sie nicht überfahren wird, als sie mit Vollgas zurücksetzt. Während die Reifenspuren mit Regenwasser volllaufen stecke ich mir die Stöpsel wieder in die Ohren. Jetzt höre ich The Prodigy.

#49

Als wir in die U-Bahn steigen, drängt sich eine energische kleine Frau zwischen uns. Du setzt dich ans Ende des Wagens, wo die Hündin gut liegen kann, ich setzt mich schräg gegenüber zwischen zwei über ihre Handys gebeugte Männer. Wir akzeptieren die Herausforderung. Das Spiel beginnt, die Regel ist bekannt: Wir kennen uns nicht.

Nach zwei Stationen streifen sich rein zufällig  unsere Blicke. Ich lächle deinen Hund an, aber als ich aufsehe und deinen Blick kreuze, schalte ich von kindlich-fröhlich auf seriös-erwachsen, alle Fremden machen das so. Du musterst die anderen Fahrgäste, ich mustere dich. Du bist hübsch. Du siehst freundlich aus. Klug. Zärtlich. Du weißt dich zu kleiden. Langsam, versonnen befeuchtest du deine Lippen. Da schaue ich in die andere Richtung und lese die Promi-News auf dem Bildschirm an der Decke. Ich spüre, wie du mich ansiehst. Ich korrigiere meine Haltung, ich will erwachsen, unabhängig und interessant auf dich wirken. Ich lege mir einen Knöchel aufs Knie, es soll auch ein bisschen männlich sein. Als ich dich plötzlich wieder ansehe, hältst du meinen Blick. Deine Augen sind bunt und wenn man das bemerkt hat, kann man nicht mehr aufhören, dich anzusehen. Du legst den Kopf ein bisschen schräg und hebst fast unmerklich die Brauen. Ich lächele dich an, es passiert unwillkürlich. Du lächelst zurück, feiner als ich. Du bist elegant. Ich würde dich gern kennenlernen.

#48

Hier stimmt was nicht, denke ich, und dann fällt mir auf, was: Meine Hündin geht Fuß, schon sei Minuten, obwohl sie nicht müsste. Ich sehe mich um und dann fällt mir auf, warum: Es gibt keine Kaninchen mehr, die sie jagen könnte, dabei wimmelt es hier von Kaninchen, schon immer. Vor meinem Haus erzählt mir die Nachbarin im Parterre von ihrem Balkon ins Beet aschend, was passiert ist. Heute Morgen haben drei junge Männer die Wiesen abgesperrt, eine nach der anderen, mit niedrigen Zäunen aus Draht. Dann habe ein untersetzter Mann ein Köfferchen in die Mitte der Wiese gestellt und sich umgesehen, bevor er es feierlich öffnete. Aus dem Koffer seien drei flinke Frettchen gesprungen. Wie die Wilden seien die Biester auf die Kaninchen losgegangen und hätten sie gejagt. Über die Wiese, in die Gebüsche, in ihre Baue und schließlich aus ihren Bauen heraus. Am Ende ihrer Flucht seien die Kaninchen gegen die Zäune geknallt und dort benommen liegen geblieben. Die jungen Männer hätten sie am Schlafittchen gepackt und eines nach dem anderen in große Kisten gesetzt. Dann hätten sie die Frettchen wieder ins Köfferchen getrieben und seien sie mit ihrem Transporter zur nächsten Wiese gefahren. Ob sie nicht protestiert habe, wollte ich wissen. Habe sie nicht, erklärte sie, regelmäßig hätten die Klopfer ihre Beete zernagt. Und die Fernsehkabel. Und die Rollen der Container im Müllhaus. Was passiert denn jetzt mit den Häschen, fragte ich mehr mich als sie. Die kommen in den Zoo, erfuhr ich, für die Schlangen. Ich seufzte. Fressen und gefressen werden, murmelte meine Nachbarin noch, bevor sie ihre Zigarette am Balkongeländer ausdrückte und in einen ihrer Blumenkästen steckte. Schönen Tag Ihnen noch! Aber. Ja.

#47

Congratulations, you now have access to unlimited cloud sotrage!, schrieben sie mir und ich machte mich an die Arbeit. Ich sehe meine Archive durch und entdecke drei Videos vom Sommer 2009.

Du und ich und die im Fahrtwind wedelnden Ohren der Hündin. Wir zuckeln die Karl-Marx-Alle runter, ich kommentiere die Einkaufsmöglichkeiten, du sagst, ich soll gefälligst auf die Hausnummern achten, die Besichtigung muss hier irgendwo sein.

Du und ich und die Hündin, die verstohlen die honigfarbenen Dielen entlang schnuppert weil es sonst nichts interessantes gibt für sie, in einer leeren Wohnung. Der Balkon ist auf einer Seite spitz und rund auf der anderen, stellst du fest, und dass wir hier nicht einziehen können, weil hier die Holzbank nirgends hinpasst, die ich dir geschenkt habe.

Wir drei in unserem Wohnzimmer, dass damals noch leer und ohne Tapete und Fußboden war. „Die ist es.“, sage ich. „Ja, oder?“, sagst du. Die Hündin liegt in einem Fetzen Sonne. Bis heute markiert die ihren Lieblingsplatz.

#46

„Diese Socken sind nicht zu retten, du musst das einsehen. Dieses Paar hat Löcher an beiden großen Zehen. Das hier ist vom Waschen so dünn geworden, dass ich deine Fersen sehen kann, wenn du sie anhast. Und beim linken Strumpf des dritten Paars ist das Bündchen so ausgeleiert, dass du ihn wie eine Wollwurst um den Knöchel trägst. Herz, du hast diese Socken, seitdem du aus der Bundeswehr ausgeschieden bist. Das ist 14 Jahre her!“

„Es sind gute Socken. Meine Lieblingssocken.“

„Es waren Socken. Es sind Lumpen. Ich habe recherchiert: Du kannst Bundeswehr-Ausrüstung im zivilen Internet bestellen, auch Socken. Auch die legendären T-Shirts. Auch diese unkaputtbaren Stiefel.“

„Spinnst du? Ich soll Bundeswehr-Ausrüstung kaufen? Hast du einen Uniform-Fetisch? Bist du für Kampfeinsätze?“

„Sind das hier deine Lieblingssocken?“

„Ja! Gib her!“

„Ich habe dir neue bestellt. Sechs Paar. Plus fünf T-Shirts. Kannst ja Friedenstauben drauf sticken.“

„Oh. Ähm. Menno. Danke.“

#45

Wir verbrachten sechs Stunden mit der Lösung eines Computerproblems, aber das Problem gewann. Wir sind raus, aber unsere Jacken hielten dem Regen nicht Stand. Wir wollten mit dem Bus zurück, der aber kam nicht. Zuhause hänge ich unsere Sachen zum Trocknen auf und du kochst Suppe. Dann sitzen wir in Unterhemden und Wollsocken am Esstisch auf dem eine Kerze flackert. Zwischen uns der große Suppentopf, es dampft und duftet. Weil der Tag auf Komfort verzichtete, verzichten wir jetzt auf Geschirr. Wir schlürfen die Nudeln direkt von der Kelle, eine du, eine ich. Unter dem Tisch hakelst du deine Füße zwischen meine. „Von der Seite sehen wir jetzt wie ein Herz aus.“ Du kicherst.