Archiv für den Monat: Januar 2015

#56

Ich lege mein Telefon vor mich auf den Tisch und sehe auf. Die Frau gegenüber nickt mir anerkennend zu. Ich überlege, ob ich sie kenne: Mitte 60, kurze karamellbraune Haare, wache dunkle Augen, strahlenförmige Falten um den schmalen Mund, großer silberner Schmuck. Ich kenne sie nicht. Ich lache irritiert. Sie sagt:

„Naja.“
„Naja was?“, frage ich.
„Hätte ich nicht gedacht, dass sie das Ding noch mal aus der Hand legen, bevor wir Leipzig erreichen.“, sagt sie.
„Wieso?“, frage ich.
„Seit ich in Gesundbrunnen eingestiegen bin, starren Sie in diesen kleinen Kasten.“, erklärt sie.
„Und Sie? Sie beobachten mich seitdem.“, stelle ich fest.
„Sie sitzen mir direkt gegenüber. Draußen die immergleichen Felder. Wohin soll ich denn gucken?“
„Dann lesen sie doch was.“
„Ja, meine Generation liest noch. Aber Ihre starrt nur noch in diese Kästen. In der U-Bahn, in Restaurants, überall.“
„Als wäre Lesen mehr wert. Vom Fitzek-Lesen wird man auch nicht klüger.“
„Was haben Sie denn gegen Fitzek?“
„Egal. Ich habe jedenfalls gearbeitet.“
„Nachts?“
„Was?“
„Es ist noch nicht einmal acht Uhr und sie haben schon gearbeitet?“
„Ja.“
„Und da brauchen Sie jetzt Entspannung? Und da spielen Sie mit diesem Kasten?“
„Was?“
„Machen Sie auch dieses Spiel mit diesen Bonbons, die man in Dreiereihen legen muss? Mein Enkel! Den ganzen Tag!“
„Nein. Ich habe nicht gespielt. Ich habe gearbeitet.“
„Gearbeitet! Mit diesem kleinen Kasten?“
„Na klar.“
„Soso.“ Die Frau lächelt milde und stiert hinaus in die Felder.
„Entschuldigung?“ Mir bleibt der Mund offen stehen.
„Es geht mich ja auch nichts an.“ Die Frau schüttelt mit dem Kopf.
„Genau. Es geht sie überhaupt nichts an!“ Ich schüttele mit dem Kopf.

Ich beiße mir auf die Lippen und stiere ebenfalls hinaus in die Felder. Im Fenster spiegelt sich ihr Gesicht und meins. Über die Reflexionen schauen wir einander spiegelverkerht in die Augen.

„Es geht sie zwar nichts an,“ sage ich schließlich zum Fensterglas, „aber wenn Sie wissen wollen, was ich gearbeitet habe, zeige ich es Ihnen.“
„Nein, lassen Sie nur.“, sagt die Frau und fokussiert wieder die Felder. „Ich verstehe nichts davon.“
„Aber Sie urteilen.“, sage ich. „Und wenn sie urteilen wollen, sollten Sie es verstehen.“
„Ich habe Sie nicht verurteilt, ich habe Sie nur beobachtet.“, rechtfertigt Sie sich.
„Gut, aber Sie haben nicht verstanden, wobei.“, halte ich dagegen.
„Geht mich auch nichts an.“
„Ich habe ein Gedicht redigiert. Zusammen mit mit zwei Freunden habe ich einen Blog. Eine Internetseite. Wir veröffentlichen Gedichte. Die eine Freundin hat mir eins geschickt. Ich habe eben an den Rand geschrieben, was die Metaphern für mich bedeuten.“
„Mit diesem Kasten.“
„Genau. Und dann habe ich eine Kurzgeschichte korrigiert. Rechtschreibfehler rausgemacht und Kommas rein. Die hat mir der andere Freund gemailt. Und dann habe ich diese beiden Texte wieder zurück an meine Freunde geschickt, damit sie weiter daran arbeiten können.“
„Während der Fahrt.“
„Natürlich. Es heißt ja Mobilfunk. Und anschließend habe ich Französisch gelernt. Heute: Fragen. ‚Est-ce que‘ und so.“
„Jetzt eben.“
„Ja. Wollen Sie eine Runde?“
„Was?“
„Französisch-Vokabeln. Ist ganz leicht zu bedienen.“
„Um Himmels Willen! Ich spreche kein Wort Französisch.“
„Ich bis vor einem Monat auch nicht. Jetzt sind es immerhin ein paar Hundert Wörter.“
„Und das machen Sie alles mit diesem Ding?“
„Mit diesem kleinen Kasten, genau.“
„Sind sie Informatiker?“
„Nein! Ich schreibe Gedichte!“
„Was kostet sowas denn?“

#55

Ich bin vertieft in meine Arbeit, ich arbeite in Excel, irgendwas mit Zahlen, mein Nacken schmerzt. Plötzlich stehen zwei Herren in dunklen Anzügen hinter mir. Sie tragen je einen Aktenkoffer und fragen, ob ich ich sei. Meine Chefin hebt die Augenbrauen, als ich mir mit der Antwort zuviel Zeit lasse, schließlich antworte ich: Ich? Äh, ja. Ob ich ein paar Minuten hätte, fragen sie, unter sechs Augen, bitten sie, am besten in einem Separee, ich verstünde schon .

Als ich die Tür hinter ihnen und mir schließe, streckt mir einer beide Hände zum Gruß entgegen, während der andere anfängt, meine Schulter zu tätscheln. Sie möchten mich beglückwünschen, sagen sie, heute sei mein Glückstag, ich solle mich lieber setzen. Ich setze mich. Sie bleiben stehen und knallen die beiden Koffer vor mich auf den Tisch, ich zucke zusammen. Ob ich mich an das Los erinnern könne, dass ich gekauft hätte, im Zeitschriftenladen am Bahnhof, letzten Dienstag gegen drei. Ich starre auf den kleinen Riss im Deckenputz, während ich überlege. Hm-hm, mache ich dann. Nun, dieses Los hätte gewonnen, und zwar den Jackpot, es hätte alles seine Richtigkeit, die beiden Herren hätten das mehrmals geprüft.
Irritiert suche ich nach einem Lächeln in den Gesichtern der Männer, aber da ist keins. Ich will mich vergewissern, dass das kein Scherz ist, aber statt einer Antwort höre ich nur: Klack-klack. Die Koffer werden geöffnet: Scheine, Münzen, Schmuck, Aktien, eine Lebensversicherungspolice, Edelsteine. Ich fange an zu Lachen. Die Herren machen ernste Gesichter und schieben die beiden Koffer zu mir herüber. Alles für Sie. Alles für mich? Sie nicken. Ich fange an, mich zu freuen.

Ich springe auf um meinen Kollegen zu erzählen, was passiert ist. Die Herren versuchen, mich aufzuhalten, aber es gelingt ihnen nicht. Meine Kollegen und ich liegen uns in den Armen: Wir freuen uns.

Als ich den Raum wieder betrete, um die beiden Koffer zu holen, machen die Herren noch finstere Minen als vorher. Ich frage, was sie nur haben und sie fragen zurück, wie ich mir denn vorstelle, die Koffer nach Hause zu bekommen. Ich sei nur mit dem Fahrrad, das hätte nicht einmal einen Gepäckträger. Nachdem nun aber alle meine Kollegen Bescheid wüssten, könnte ich die Koffer ja aber keinesfalls über Nacht hier lassen. Das Rad allerdings auch nicht, nicht in diesem Viertel. Tja, das hätte ich mir besser überlegen sollen, sagen sie. Von der offenen Tür her drängen meine Kollegen in den Raum.

Dann wache ich auf.

#54

Die Luft schmeckt salzig, wir müssen am Meer sein. Das Wasser aber ist nirgends zu sehen. Wir laufen durch eine Dünenlandschaft, kniehohes Schilfgras und niedrige Sanddornbüsche wechseln sich mit Sandflächen ab. Es ist windig, aber nicht kalt, sonnig, aber nicht wolkenlos; einer dieser seltenen Tage im April. Wir sind gutgelaunt, obwohl wir es eilig haben. Vielleicht müssen wir zu einer Feier, vielleicht wollen wir den Ausflugsdampfer nicht verpassen. Der Pfad, den wir gehen ist schmal. Ständig kommen uns andere Passanten entgegen. Ich achte nicht auf den Weg und stolpere andauernd. Du fängst an, dich darüber lustig zu machen.

Also lege ich erst meinen rechten Fuß auf mein linkes Knie und dann meinen linken auf das rechte. Ich schwanke ein bisschen, aber schon bald sitze ich sicher im Schneidersitz in der Luft. Ich schwebe den Weg entlang, anstatt ihn zu gehen. Du lachst herzhaft und ich zucke grinsend mit den Schultern. Wir wissen beide, dass sich das nicht gehört, aber in unserem Übermut kümmert uns das nicht.

Die Menschen, die uns begegnen, bringen wir zum Lachen. Du gibst mir einen Schubs in den Rücken und ich drohe tatsächlich für einige Sekunden vornüber zu kippen, rudere wild mit den Armen und fange mich wieder. Du drückst mich an den Schultern nach unten, um mich dann wieder nach oben schnellen zu lassen. Du legst mir den Arm in den Nacken, damit die entgegenkommenden Spaziergänger denken, du würdest mich am Schlafittchen durchs Land schleppen.

Auf einmal kommen uns zwei junge Buddhisten entgegen. Sie tragen rote Mönchsgewänder mit orangefarbenen Säumen und nackte Füße in ihren Schweinsledersandaletten. Ich erschrecke, als ich sie sehe. Ich bin peinlich berührt. Die müssen sich doch verarscht vorkommen, denke ich, wenn sie sehen, dass ich das, wofür sie ihr ganzes Leben lang meditieren, hier einfach so zum Spaß aufführe: Das freie Schweben von A nach B. Die Mönche lächeln und nicken anerkennend, als sie uns passieren.