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#43

Das Buch habe ihm gefallen, sagt Markus, er wolle sich noch einmal dafür bedanken, dass ich es ihm geschenkt habe. Welchen Witz diese Juli Zeh habe und welche Schärfe! Den Stil, den sie in ihren Poetik-Vorlesungen an den Tag legt, kenne man aus ihren Romanen ja gar nicht. Kassandra habe er ein paar Stellen vorgelesen, die sei auch restlos begeistert gewesen, freut er sich, aber er habe Mühe gehabt, ihren Wunsch abzuwiegeln, sich das Buch von ihm zu leihen. „Warum leihst du es ihr nicht?“, frage ich. „Hast du das nicht begriffen?“, fragt Markus. „Was?“ „Ich habe es dir doch per SMS geschrieben?“ „Was?!“ „Ich kann dieses Buch niemals verleihen. Es ist ein offizielles Dokument.“ „Was?! Ich verstehe gar nichts.“ In der Notaufnahme, erklärt Markus, kurz nach der Erstversorgung  und kurz vor der Nachuntersuchung, habe er an den Tod gedacht. Es war keine Angst, schildert er, sondern der Wunsch, vorher noch alles zu regeln. Ihm fiel ein, dass er kein Testament gemacht hatte. Er kramte in seiner Tasche. Einen Stift fand er schnell, aber kein Stück Papier. Also habe er, er sagt das kichernd, seinen letzten Willen auf die letze Seite von Juli Zeh’s Treideln gekritzelt, das hatte er noch in der Tasche, er hatte es ein paar Stunden vorher ausgelesen. Später habe er es dem Arzt gegeben, mit der Bitte, es zu seinen Akte zu legen. Nur für den Fall, dass.

#40

Ich drücke Markus immer, aber heute muss ich ihn auf seine stachlige Wange küssen. Die Maschine über ihm fängt sofort an gelb zu blinken, als ich ihn berühre, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig. Wenigstens klingelpiept sie nicht, andernfalls hätte ich offenen Streit mit ihr.

Ich erkläre Markus, wie er dieses Tablet bedienen muss um an meine eBooks zu kommen, dass er Tschick. zuerst lesen muss und wo der Stecker zum Aufladen hinkommt. Markus erklärt mir, was ein Herzkatheder ist, und dass man dadurch winzige Röhrchen aus geflochtenem Draht in Blutgefäße fädeln kann, um sie dort zu stabilisierenden Tunneln aufzublasen. Ich frage ihn, was er für Sachen macht, er weist mich daraufhin, wie seine Mutter zu klingen. Wir lachen.

Als wir wieder ernst sind sprechen wir über die Angst vor der Angst und die künftige Notwendigkeit der Vermeidung von Alleinesein. Herrndorf lehrt, setze ich an – und wäre mir eine harmlosere Fortführung des Satzes eingefallen, hätte ich sie gesprochen, aber so musste ich das sagen, was ich dachte, nämlich – Herrndorf lehrt, der Feind der Angst ist nicht allein Gesellschaft, sondern vor allem Arbeit und Struktur. Dann schweigen wir ein bisschen und hören den anderen Patienten im Zimmer beim Schnarchen zu.

#36

Ich komme aus der Dusche und ich spüre noch die Hitze. Jene, die ich mir minutenlang in den Nacken habe prasseln lassen und auch jene, die wir vorher ineinander erzeugt haben, durch Reibung wahrscheinlich. Ich greife zu meinem Telefon, weil ich immer als nächstes zu meinem Telefon greife, und während ich den Luftzug genieße, den die Nacht vom offenen Fenster her ins Zimmer schickt, bekomme ich Gänsehaut. Mit dem Luftzug hat die aber nichts zu tun. Ich habe neun SMS und zwei Anrufe. Meine Mailbox ist aus, die SMS sind unverständlich. Richtiggeschrieben sind die Worte „Notaufnahme“, „Herzsache“ und „morgen Sachen aus meiner Wohnung holen“.  Er steht auf und kommt zu mir. „Bist du okay?“, fragt er, ich muss kreidebleich sein. „Markus ist im Krankenhaus!“ sage ich und er fragt „Wer ist Markus?“. Natürlich, er kennt Markus nicht, er kennt ja mich kaum, ich winke ab. Ich wähle Markus‘ Nummer, Markus drückt mich weg. „ITS“, schreibt er per SMS. „Was zum Teufel?“, antworte ich. „Intensivstation. Handyverbot. Kommst du morgen?“ Verdammt: Ja. Verdammt: Ich hätte jetzt da sein sollen.