Archiv der Kategorie: Heute

#59

„Guten Tag, die Fahrkarten bitte!“
„So. Das mache ich heute alles elektronisch mit Ihnen.“
„Na, da bin ich mal gespannt.“
„Zuerst mein Ticket. Das müsste dieser Code sein.“
„Das ist er, ja.“
„Und jetzt meine Bahncard. Da habe ich aber zwei Codes bekommen.“
„Ich möchte nur einen sehen.“
„Trefferchance von 50 Prozent also. Das reicht mir.“
„Das war der richtige Code.“
„Ich bin eben ein Glückspilz. Und jetzt brauchen Sie noch meinen Ausweis, richtig?“
„Sie machen sich sehr gut. Der Ausweis passt auch.“
„Super! Habe ich jetzt ‚was gewonnen?“
„Allerdings.“
„Oh! Was?“
„Ein Kompliment.“
„Hui!“
„Gleich einlösen?“
„Aber ja!“
„Sie sehen heute viel besser aus als zu Zeiten des Ausweisfotos. Ihre Haare, ihre Brille, das war alles sehr streng. Aber heute: Wunderbar! Wirklich toll!“

#58

Kein Traum: Ich nehme ein Paar zum Knäul zusammengrollte Socken aus dem Schrank, ich habe kalte Füße. Ich ziehe meine Socken an und denke: Irgendetwas stimmt nicht. Es ist, als klebe ein Fetzen Tesa zwischen meinem rechten großen Zeh und seinem Nachbarn. Ich ziehe meine rechte Socke aus und greife hinein. Ich berühre etwas, aber ich kriege es nicht zu fassen, immer wieder entgleitet es mir. Es ist, als würde es zwischen meinen Fingern davon springen. Ich ziehe meine Hand aus der Socke und lege die Socke flach auf den Tisch. Nichts bewegt sich. Ich lege meine Hand auf die Socke. Nichts bewegt sich. Ich traue mich nicht, nochmal hineinzugreifen. Langsam kremple ich die Socke von innen nach außen. Ein paar Fusseln, ein Fadenzieher, nichts besonderes. Nur noch zwei Zentimeter zu krempeln, nur noch die Spitze für den großen Zeh. Es flattert, es brummt, es knallt mir gegen die Stirn. Ich schreie. Ein großer dunkler Falter dreht seine Runden im Zimmer, knallt gegen die Lampe, knallt gegen die Wand, fängt sich, dreht noch ein paar Runden, verschwindet hinter dem Schrank.

Was los ist willst du wissen, als du erschrocken ins Zimmer stürzt, du hast mich schreien gehört. Hepp, heben wir den Schrank von der Wand. Dahinter kein Falter. Aber auch kein Traum. Ich schwöre.

#57

Wir wachen auf. Wir sehen uns an. Du bist okay, ich bin okay, aber das ist kein Bett. Wir stehen auf. Ich bemerke die Gleichzeitigkeit, des Aufwachens, des Aufstehens, ich bemerke, dass du sie bemerkst, aber ich sage nichts, was soll ich schon sagen, du sagst ja auch nichts, warum auch. Unter uns gelbe Erde, wie Staub, trocken aber fest. Um uns dornige Sträucher, mannshoch, dicht. Ich schlage dir den Staub vom Rücken, dann du mir, du hustest. Wir gehen los, wir schlurfen in Sandalen, das muss ein Traum sein, denke ich, niemals würden wir solche Sandalen tragen. Über unsere Richtung sprechen wir nicht, unsere Richtung verhandelt der Abstand zwischen unseren Schultern mit unserem Abstand zu den Dornenbüschen, wir fügen uns. Dafür also sind Augenbrauen da denkst du, als du mich ansiehst und die glänzenden Tropfen auf meiner Stirn bemerkst, mit dem Unterarm wische ich sie beiseite. Dafür also hat unserer Auge die Iris, denke ich als ich dich ansehe, damit wir die Sonne aus uns aus-sperren können, wenn sie so nervt wie jetzt. Du drehst dich um und prüfst, ob wir vielleicht Taschen liegen lassen haben könnten, da hinten irgendwo, ich habe auch Durst, aber da ist nichts. Unsere Schatten sind nicht mehr unter uns, sie haben sich vor uns gelegt und versprechen einen Abend. Diese Aus-sicht auf Abkühlung macht uns übermütig, wir spielen Schattenhasche, das geht besser ohne Sandalen, ich will deinem Schatten ja nicht wehtun. Als ich wieder aufsehe, bist du stehengeblieben und deutest mit einem Daumen leicht hinter dich. Da erhebt sich ein weicher Hügel aus der Ebene, wir stehen offen-bar an seiner Vorderseite, denn da ist eine Tür. Du umfasst einen Knauf, ich umfasse einen Knauf, das Metall ist warm, uns ist heiß, wir öffnen die Tür und treten ein. Wir sind in einem Hamam, von irgendwo spielt Musik, es ist düster, es ist voller Dampf, vor allem aber ist es kühl. Wir legen die stinkenden Sachen ab und legen uns Handtücher um die Hüften, weich, weiß, dick. Wir pulen den Sand zwischen unseren Zehen hervor und schlüpfen in die bereitstehenden Schlappen. Wir trotten in den Hauptsaal des Bades, er ist rund, in der Mitte ist eine Säule, an ihrem oberen Ende tritt in alle Richtungen der schwere weiße Dampf aus, auf Hüfthöhe ist sie von einem breiten Becken umgeben, es sieht aus, als trüge sie einen Rock. Das Becken ist mit kaltem Wasser gefüllt, wir trinken, wir erfrischen uns. Ich mache mir die Haare nass und frisiere mich ein bisschen, du lachst. Gegenüber der Tür, durch die wir kamen liegt eine weitere Tür. Sie führt uns in die Lobby eines Flughafens. Auf der Abflugtafel steht als nächstes eine Maschine nach Istanbul. „Nehmen wir, oder?“, frage ich. „Klar.“, sagst du.

Ich wache auf. Wusste ich doch mit den Sandalen, murmele ich. Du bist nicht da. Aber wir müssen doch jetzt buchen.

#56

Ich lege mein Telefon vor mich auf den Tisch und sehe auf. Die Frau gegenüber nickt mir anerkennend zu. Ich überlege, ob ich sie kenne: Mitte 60, kurze karamellbraune Haare, wache dunkle Augen, strahlenförmige Falten um den schmalen Mund, großer silberner Schmuck. Ich kenne sie nicht. Ich lache irritiert. Sie sagt:

„Naja.“
„Naja was?“, frage ich.
„Hätte ich nicht gedacht, dass sie das Ding noch mal aus der Hand legen, bevor wir Leipzig erreichen.“, sagt sie.
„Wieso?“, frage ich.
„Seit ich in Gesundbrunnen eingestiegen bin, starren Sie in diesen kleinen Kasten.“, erklärt sie.
„Und Sie? Sie beobachten mich seitdem.“, stelle ich fest.
„Sie sitzen mir direkt gegenüber. Draußen die immergleichen Felder. Wohin soll ich denn gucken?“
„Dann lesen sie doch was.“
„Ja, meine Generation liest noch. Aber Ihre starrt nur noch in diese Kästen. In der U-Bahn, in Restaurants, überall.“
„Als wäre Lesen mehr wert. Vom Fitzek-Lesen wird man auch nicht klüger.“
„Was haben Sie denn gegen Fitzek?“
„Egal. Ich habe jedenfalls gearbeitet.“
„Nachts?“
„Was?“
„Es ist noch nicht einmal acht Uhr und sie haben schon gearbeitet?“
„Ja.“
„Und da brauchen Sie jetzt Entspannung? Und da spielen Sie mit diesem Kasten?“
„Was?“
„Machen Sie auch dieses Spiel mit diesen Bonbons, die man in Dreiereihen legen muss? Mein Enkel! Den ganzen Tag!“
„Nein. Ich habe nicht gespielt. Ich habe gearbeitet.“
„Gearbeitet! Mit diesem kleinen Kasten?“
„Na klar.“
„Soso.“ Die Frau lächelt milde und stiert hinaus in die Felder.
„Entschuldigung?“ Mir bleibt der Mund offen stehen.
„Es geht mich ja auch nichts an.“ Die Frau schüttelt mit dem Kopf.
„Genau. Es geht sie überhaupt nichts an!“ Ich schüttele mit dem Kopf.

Ich beiße mir auf die Lippen und stiere ebenfalls hinaus in die Felder. Im Fenster spiegelt sich ihr Gesicht und meins. Über die Reflexionen schauen wir einander spiegelverkerht in die Augen.

„Es geht sie zwar nichts an,“ sage ich schließlich zum Fensterglas, „aber wenn Sie wissen wollen, was ich gearbeitet habe, zeige ich es Ihnen.“
„Nein, lassen Sie nur.“, sagt die Frau und fokussiert wieder die Felder. „Ich verstehe nichts davon.“
„Aber Sie urteilen.“, sage ich. „Und wenn sie urteilen wollen, sollten Sie es verstehen.“
„Ich habe Sie nicht verurteilt, ich habe Sie nur beobachtet.“, rechtfertigt Sie sich.
„Gut, aber Sie haben nicht verstanden, wobei.“, halte ich dagegen.
„Geht mich auch nichts an.“
„Ich habe ein Gedicht redigiert. Zusammen mit mit zwei Freunden habe ich einen Blog. Eine Internetseite. Wir veröffentlichen Gedichte. Die eine Freundin hat mir eins geschickt. Ich habe eben an den Rand geschrieben, was die Metaphern für mich bedeuten.“
„Mit diesem Kasten.“
„Genau. Und dann habe ich eine Kurzgeschichte korrigiert. Rechtschreibfehler rausgemacht und Kommas rein. Die hat mir der andere Freund gemailt. Und dann habe ich diese beiden Texte wieder zurück an meine Freunde geschickt, damit sie weiter daran arbeiten können.“
„Während der Fahrt.“
„Natürlich. Es heißt ja Mobilfunk. Und anschließend habe ich Französisch gelernt. Heute: Fragen. ‚Est-ce que‘ und so.“
„Jetzt eben.“
„Ja. Wollen Sie eine Runde?“
„Was?“
„Französisch-Vokabeln. Ist ganz leicht zu bedienen.“
„Um Himmels Willen! Ich spreche kein Wort Französisch.“
„Ich bis vor einem Monat auch nicht. Jetzt sind es immerhin ein paar Hundert Wörter.“
„Und das machen Sie alles mit diesem Ding?“
„Mit diesem kleinen Kasten, genau.“
„Sind sie Informatiker?“
„Nein! Ich schreibe Gedichte!“
„Was kostet sowas denn?“

#55

Ich bin vertieft in meine Arbeit, ich arbeite in Excel, irgendwas mit Zahlen, mein Nacken schmerzt. Plötzlich stehen zwei Herren in dunklen Anzügen hinter mir. Sie tragen je einen Aktenkoffer und fragen, ob ich ich sei. Meine Chefin hebt die Augenbrauen, als ich mir mit der Antwort zuviel Zeit lasse, schließlich antworte ich: Ich? Äh, ja. Ob ich ein paar Minuten hätte, fragen sie, unter sechs Augen, bitten sie, am besten in einem Separee, ich verstünde schon .

Als ich die Tür hinter ihnen und mir schließe, streckt mir einer beide Hände zum Gruß entgegen, während der andere anfängt, meine Schulter zu tätscheln. Sie möchten mich beglückwünschen, sagen sie, heute sei mein Glückstag, ich solle mich lieber setzen. Ich setze mich. Sie bleiben stehen und knallen die beiden Koffer vor mich auf den Tisch, ich zucke zusammen. Ob ich mich an das Los erinnern könne, dass ich gekauft hätte, im Zeitschriftenladen am Bahnhof, letzten Dienstag gegen drei. Ich starre auf den kleinen Riss im Deckenputz, während ich überlege. Hm-hm, mache ich dann. Nun, dieses Los hätte gewonnen, und zwar den Jackpot, es hätte alles seine Richtigkeit, die beiden Herren hätten das mehrmals geprüft.
Irritiert suche ich nach einem Lächeln in den Gesichtern der Männer, aber da ist keins. Ich will mich vergewissern, dass das kein Scherz ist, aber statt einer Antwort höre ich nur: Klack-klack. Die Koffer werden geöffnet: Scheine, Münzen, Schmuck, Aktien, eine Lebensversicherungspolice, Edelsteine. Ich fange an zu Lachen. Die Herren machen ernste Gesichter und schieben die beiden Koffer zu mir herüber. Alles für Sie. Alles für mich? Sie nicken. Ich fange an, mich zu freuen.

Ich springe auf um meinen Kollegen zu erzählen, was passiert ist. Die Herren versuchen, mich aufzuhalten, aber es gelingt ihnen nicht. Meine Kollegen und ich liegen uns in den Armen: Wir freuen uns.

Als ich den Raum wieder betrete, um die beiden Koffer zu holen, machen die Herren noch finstere Minen als vorher. Ich frage, was sie nur haben und sie fragen zurück, wie ich mir denn vorstelle, die Koffer nach Hause zu bekommen. Ich sei nur mit dem Fahrrad, das hätte nicht einmal einen Gepäckträger. Nachdem nun aber alle meine Kollegen Bescheid wüssten, könnte ich die Koffer ja aber keinesfalls über Nacht hier lassen. Das Rad allerdings auch nicht, nicht in diesem Viertel. Tja, das hätte ich mir besser überlegen sollen, sagen sie. Von der offenen Tür her drängen meine Kollegen in den Raum.

Dann wache ich auf.

#54

Die Luft schmeckt salzig, wir müssen am Meer sein. Das Wasser aber ist nirgends zu sehen. Wir laufen durch eine Dünenlandschaft, kniehohes Schilfgras und niedrige Sanddornbüsche wechseln sich mit Sandflächen ab. Es ist windig, aber nicht kalt, sonnig, aber nicht wolkenlos; einer dieser seltenen Tage im April. Wir sind gutgelaunt, obwohl wir es eilig haben. Vielleicht müssen wir zu einer Feier, vielleicht wollen wir den Ausflugsdampfer nicht verpassen. Der Pfad, den wir gehen ist schmal. Ständig kommen uns andere Passanten entgegen. Ich achte nicht auf den Weg und stolpere andauernd. Du fängst an, dich darüber lustig zu machen.

Also lege ich erst meinen rechten Fuß auf mein linkes Knie und dann meinen linken auf das rechte. Ich schwanke ein bisschen, aber schon bald sitze ich sicher im Schneidersitz in der Luft. Ich schwebe den Weg entlang, anstatt ihn zu gehen. Du lachst herzhaft und ich zucke grinsend mit den Schultern. Wir wissen beide, dass sich das nicht gehört, aber in unserem Übermut kümmert uns das nicht.

Die Menschen, die uns begegnen, bringen wir zum Lachen. Du gibst mir einen Schubs in den Rücken und ich drohe tatsächlich für einige Sekunden vornüber zu kippen, rudere wild mit den Armen und fange mich wieder. Du drückst mich an den Schultern nach unten, um mich dann wieder nach oben schnellen zu lassen. Du legst mir den Arm in den Nacken, damit die entgegenkommenden Spaziergänger denken, du würdest mich am Schlafittchen durchs Land schleppen.

Auf einmal kommen uns zwei junge Buddhisten entgegen. Sie tragen rote Mönchsgewänder mit orangefarbenen Säumen und nackte Füße in ihren Schweinsledersandaletten. Ich erschrecke, als ich sie sehe. Ich bin peinlich berührt. Die müssen sich doch verarscht vorkommen, denke ich, wenn sie sehen, dass ich das, wofür sie ihr ganzes Leben lang meditieren, hier einfach so zum Spaß aufführe: Das freie Schweben von A nach B. Die Mönche lächeln und nicken anerkennend, als sie uns passieren.

#53

Von weitem sehe ich, wie der Mann in die Hocke geht. Aber anstatt sich die Schuhe zu binden, wie ich es erwartet hätte, breitet er die Arme aus. Im Gegensatz zu mir versteht meine Hündin das Zeichen sofort. Sie flitzt schnurstracks auf ihn zu. Ich habe den Impuls sie zurückzurufen, aber die Freude im Gesicht des Mannes bremst mich. Stürmisch begrüßt Milda den Mann, springt an ihm auf und leckt ihm das Kinn. Der Mann lacht laut, streichelt Sie und macht ein Tänzchen mit ihr. Nur ich bin irritiert über die selbstverständliche Vertrautheit; ich kenne den Mann nicht.

„Sie haben einen ganz tollen Hund, wissen Sie das?“, ruft er mir zu. „Ist das ein Rassehund? Nein? Aber er hat Charakter! Ist bestimmt noch sehr jung, oder? Nicht? Aber sehen Sie nur, wie er strahlt!“

Du strahlst, denke ich, du strahlst das Lächeln eines fröhlichen Jungen aus dem Gesicht eines blassen Mittvierzigers. Wer bist du?

„Sie müssen viel rausgehen mir ihr. Sie braucht viel Bewegung. Sehen Sie, ich habe mal 100 Kilo gewogen, da haben die Schwestern gesagt, ich muss abspecken. Also habe ich mir angewöhnt, nach jeder Mahlzeit eine halbe Stunde zu verdauen und dann eine Stunde lang spazieren zu gehen. Nach drei Monaten habe ich nur noch 70 Kilo gewogen. Da haben die Schwestern gesagt, so geht’s aber nicht, ich müsse dringend wieder zunehmen. Also habe ich angefangen, jeden Tag eine Tafel Schokolade zu essen. Jeden Tag, eine ganze Tafel, stellen Sie sich das vor! Und wissen Sie, wie viel ich nach einem Monat zugenommen hatte? 300 Gramm. Nach 30 Tafeln Schokolade! Naja, Sie interessiert das nicht, Sie sind schlank. Aber ihr Hund braucht die Bewegung. Ihr Hund ist sehr besonders!“

Du bist besonders, denke ich, deine Hände zeichnen alles was du sagst in die Luft und dein ganzer Körper geht mit, wie beim Ballett.

„Sie müssen mir das glauben, Ihr Hund ist ein Glückshund. Ich bin nicht verrückt, oder so, ich kann mich nur nicht so gut anpassen. Aber das macht nichts. Ich wohne gern hier. So nah am Wasser und so schön. Und das Größte ist: ich brauche nicht zur Arbeit. Sie müssen bestimmt immer arbeiten, oder? Machen Sie sich nichts draus. Gehen Sie immer schön mit Ihrem Hund spazieren. Nach der Arbeit, vor der Arbeit, immer. So ein schöner Hund! Der wird Ihnen Glück bringen. Noch viel Glück!“

„Ihnen auch! Ihnen auch viel Glück, meine ich. Und Danke! Danke, dass Sie das gesagt haben.“

Der Mann ist schon weitergegangen, ich sehe ihm noch eine Weile nach. Milda auch. Erst als sich die Automatiktür zum betreuten Wohnen hinter ihm schließt, kommen wir wieder zu uns.

#52

„Gut, dann ist ihr ihr neues Telefon“, sagt der kräftige junge Mann, der mich an Shrek erinnert, als er den Karton mit seinen kurzen Fingern über den Tresen schiebt, „aber bevor ich Ihnen viel Spaß damit wünsche, habe ich noch eine Frage.“ Er lächelt mich feierlich an und ich denke: Nein, Mann, ich will keine Handyversicherung für zehn Euro im Monat, aber wenn du mich das fragen musst, dann frag halt. „Hätten Sie Interesse an einer Smart Watch?“ „An einer was?“ „An einer Armbanduhr zu ihrem Telefon. Die zeigt Ihnen alle Benachrichtigungen, Erinnerungen und Navigationsanweisungen direkt am Handgelenk an. Außerdem überwacht sie Ihre Fitness und Ihren Schlaf. Sie steuern sie über Wischgesten und Sprachbefehle. Ich könnte Sie ihnen für 200 € überlassen.“ „Muss ich das jetzt entscheiden?“ „Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir eine Minute.“ Der junge Mann verschwindet in einer schmalen Tür in der Ladendeko. Ich denke: Mist, ich weiß nichts über Smart Watches, aber das ist ja vielleicht auch schon ein Indiz. Als der junge Mann zurück ist, legt er einen halb so großen Karton neben den meines neuen Handys. „Hier ist das gute Stück. Weil Sie aber Gold-Kunde bei uns sind kann ich Ihnen 10 Prozent Rabatt auf die Uhr geben.“ „Gold-Kunde?“ „Und damit nicht genug!“ Der junge Mann verschwindet kurz unter dem Tresen und ich frage mich, was ich getan habe, um Gold-Kunde zu werden. Er stellt einen weiteren, doppelt so großen Karton neben die anderen beiden. „Diese hochwertigen Bügelkopfhörer aus dem Hause JBL gebe ich Ihnen gratis dazu. Im Handel zahlen Sie dafür nicht weniger als 100 €. Aber ich sehe, Sie sind immer noch nicht überzeugt.“ Er verschwindet ein weiteres Mal und ich kratze mich am Kopf. Ein vierter, viermal so großer Karton wird von unter dem Tresen neben die anderen drei gestellt. Eine Ecke des Kartons steht auf der Enter-Taste des Kassenrechners, es tutet. „Hier habe ich noch etwas ganz Feines für Sie. Einen Bluetooth-Lautsprecher für unterwegs, den sie zuhause für ein beeindruckendes Hifi-Erlebnis in einen passgenauen Subwoofer versenken können. Für das alles, müssten Sie im Handel mindestens 450 € hinlegen. Bei mir heute nur 180. Das ist ein Angebot, oder?“ „Allerdings.“, stammele ich. „Allerdings.“, wiederholt er triumphierend. Es vergehen ein paar Sekunden. „Aber es ist Folgendes.“, wende ich schließlich ein. „Ich trage seit 10 Jahren keine Armbanduhr mehr, dafür trage ich fantastische Kopfhörer auf Streichholzschachtelgröße zusammengerollt in meiner Jacke immer bei mir und einen Bluetooth-Lautsprecher habe ich auch.“ Ich überlege kurz, warum ich mich rechtfertige anstatt einfach „Nein, danke.“ zu sagen, aber Shrek ist niedlich und ich weise ihn nicht gern zurück. „Sie müssten die Sachen ja nicht behalten. Sehen Sie, Weihnachten steht vor der Tür.“ Er zieht die Augenbrauen hoch und nickt bedeutungsvoll, als wolle er sich vergewissern, ob der Groschen bei mir endlich gefallen sei. Ich schiebe die Ecke des Kartons von der Entertaste, damit das Tuten aufhört und ich endlich wieder denken kann. Dann stelle ich mir die ratlosen Gesichter meiner Freunde vor, nachdem ich Ihnen Bügelkopfhörer und Bluetooth-Lautsprecher geschenkt habe und schüttele langsam den Kopf. „Garantiert würden Sie auch auf eBay einen guten Schnitt damit machen.“, sagt Shrek verschwörerisch, nachdem er sich zu mir über den Tresen gebeugt hat. „Nein, nein, nein.“, sage ich schnell und denke: Nein, ich will nicht, dass eine Google-Uhr meine Fitness überwacht und erst recht nicht meinen Schlaf. Nein, ich möchte meine Freunde nicht mit unpersönlichen Geschenken irritieren und nein, ich kann eBay nicht leiden und ich will mich da nicht anmelden, schon gar nicht aus Gier. „Ich nehme nur das Telefon.“ Shreks Unterkiefer klappt auf und friert ein paar Sekunden ein. Ich komme mir wie ein Freak vor, und dass ich mich „Alles andere wäre Konsum um des Konsums Willen.“, sagen höre, macht es nicht besser; immerhin stimmt die Grammatik. „Okay.“, sagt Shrek, wobei er die O-Silbe des Wortes als kleine Reminiszenz an die Kartons ungefähr viermal so lang zieht, wie das anschließende „kay“. „Das ist natürlich Ihre Entscheidung.“ „Deswegen muss die Ihnen auch nicht logisch vorkommen.“, sage ich versöhnlich lachend. Shrek nickt wieder. Ich schnappe mir einen Karton und verschwinde.

#51

Wie manche ohne ein gutes Buch nicht einschlafen können, kann ich ohne den Deutschlandfunk nicht wach werden. Nur kurz vor acht muss ihn ausschalten, da kommt Sport, und kurz nach halb sieben, da kommt die Morgenandacht. Beides regt mich auf.

Gestern war ich im Bad, als die Pfarrerin zu sprechen anfing, und als mein Finger endlich auf dem Ausschalter des Radios im Wohnzimmer lag, hatte sie schon gewonnen. Ihr Trick war listig, sie las die ersten Zeilen eines Romans, den ich sehr liebe. Sie las aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Sie erklärte, dass das Jugendbuch in Wirklichkeit für Erwachsene ist, und der Roadmovie-Plot eigentlich beschreibt, worauf es im Leben ankommt. Bis hierhin waren wir uns einig. Als sie dann aber (man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen) „das Fazit“ verkündete, dass im Leben vieles anders sei, als es scheine, war mir als beiße ich in eine Zitrone. Aber wie man bei einem sich zutragenden Unfall nicht wegsehen kann, konnte ich auch jetzt nicht das rettende Knöpfchen drücken. Also erklärte mir die Pfarrerin als abschließend:

„Was bleibt, ist die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Barmherzigkeit, auf die wir alle – in unserer je eigenen Weise – angewiesen sind. Das gilt leider auch für den Autor des Buches, der im letzten Jahr mit gerade mal 48 Jahren starb.“

Ich musste dann schnell zurück ins Bad.

Wolfgang Herrndorf starb nicht. Er hat sich erschossen. Er hat sich erschossen, weil es für ihn leider keiner Barmherzigkeit gab, sondern einige Hirntumore eifrig dabei waren, „Gemüse aus ihm zu machen“. Und zwar ausgerechnet zu der Zeit, als eben dieser Roman abging wie eine Rakete, und er sich zum ersten Mal im Leben eine Wohnung mit Terrasse leisten konnte. In den Tagebüchern, die er während seiner Krankheit schrieb, beschimpft er die katholische Kirche für ihre alles andere als barmherzige Einstellung zu selbstbestimmtem Leben und: Sterben.

Und die Moral von der Geschicht? Versteht die Dame leider nicht.

#50

Ich höre Royksopp und denke zuerst, die alte Frau mit den vom feuchten Novemberwind zerzausten weißen Haaren, die sich mir in den Weg stellt ist Teil  des Videoclips, den mein Gehirn aus diesem grauen Nachmittag zusammenschneidet. Aber nein, sie ist Teil der Wirklichkeit, sie spricht mich an und mit den Ohrstöpseln aus meinen Gehörgängen, ziehe ich auch dem Musikvideo den Stecker.

„Könnse mir mal helfen, bitte?“
„Wobei denn?“
„Ich habe hier einen Fernseher im Kofferraum. Der muss da raus.“
„Wo soll der denn hin?“
„Na hier unter die Brücke.“
„Sie fragen mich, ob ich ihn beim Abladen von Sperrmüll helfe? Ernsthaft?“
„Brauchen Sie einen Fernseher?“
„Nein. Sie wohl auch nicht mehr?“
„Gut. Ich fahre den morgen weg. Aber ich muss was transportieren jetzt. Und da muss der Fernseher erstmal raus.“
„Ich glaube Ihnen nicht.“
„Na hören Sie mal.“
„Bis vor Kurzem stand hier noch ein Kopierer und eine Waschmaschine. Ich kenne diesen Platz.“
„Mein Name ist Winterkorn und ich habe den zweiten Garten da vorn. Sehen Sie die dunkelblaue Laube? Das ist meine. Glauben Sie mir doch! Ich schaff das nicht allein!“
„Okay. Ich werde ihnen helfen. Aber dann werde ich ihr Nummernschild fotografieren. Und wenn ich morgen hier vorbeikomme und der Fernseher steht noch da -“
„Meine Fresse, was bist du nur für ein Spießer!“
„Was?“
„Noch so jung aber schon so spießig! Furchtbar! Was soll nur aus dir werden!“

Wutentbrannt knallt die alte Frau den Kofferraum zu. Sie sieht ein bisschen unbeholfen aus, als sie in ihren nicht geschnürten Winterschuhen um ihren alten Mercedes zur Fahrertür stapft. Ich muss die Hündin beiseite zerren, damit sie nicht überfahren wird, als sie mit Vollgas zurücksetzt. Während die Reifenspuren mit Regenwasser volllaufen stecke ich mir die Stöpsel wieder in die Ohren. Jetzt höre ich The Prodigy.