Archiv für den Monat: Oktober 2014

#44

Es klingelt. Ich bin genervt. Ich erwarte niemanden. Ich wäre gern einer von denen, dessen Tür seinen Freunden jederzeit offensteht, aber die traurige Wahrheit über mich ist: Ich habe sehr gern meine Ruhe. Und für heute Abend kein Essen bestellt. Auch kein Paket. Auch keine Zeugen Jehovas, die trauen sich bestimmt nie wieder, bei mir zu klingeln.

„Hallo?“, seufze ich in die Gegensprechanlage, unverständliches Geschrei gibt sie zurück. „Was?“, raunze ich? „Süßes, sonst gibt’s Saures!“, kapiere ich endlich. Augenblicklich hänge ich den Hörer auf.

Zurück an meinem Schreibtisch will ich weiterarbeiten, aber ich kann nicht. Ich stiere ich ein paar Sekunden aus dem Fenster in die Dunkelheit und frage mich, ob ich nicht vielleicht doch genau die Art Mensch geworden bin, die ich nie werden wollte. Na klar: Halloween. Amerikanischer Kulturimperialismus, zuckerindustriebefeuerte Dickmach-Karies-Maschine, seelenlose Konsumkacke. Aber doch auch: Kinder, die sich verkleidet haben, damit sich einmal die Erwachsenen vor ihnen fürchten und nicht umgekehrt.

Ich stürze zurück zur Gegensprechanlage und rufe „Hallo!“, aber am anderen Ende ist niemand mehr. Ich hätte sowieso nur Mikrowellenpopcorn im Angebot gehabt.

#43

Das Buch habe ihm gefallen, sagt Markus, er wolle sich noch einmal dafür bedanken, dass ich es ihm geschenkt habe. Welchen Witz diese Juli Zeh habe und welche Schärfe! Den Stil, den sie in ihren Poetik-Vorlesungen an den Tag legt, kenne man aus ihren Romanen ja gar nicht. Kassandra habe er ein paar Stellen vorgelesen, die sei auch restlos begeistert gewesen, freut er sich, aber er habe Mühe gehabt, ihren Wunsch abzuwiegeln, sich das Buch von ihm zu leihen. „Warum leihst du es ihr nicht?“, frage ich. „Hast du das nicht begriffen?“, fragt Markus. „Was?“ „Ich habe es dir doch per SMS geschrieben?“ „Was?!“ „Ich kann dieses Buch niemals verleihen. Es ist ein offizielles Dokument.“ „Was?! Ich verstehe gar nichts.“ In der Notaufnahme, erklärt Markus, kurz nach der Erstversorgung  und kurz vor der Nachuntersuchung, habe er an den Tod gedacht. Es war keine Angst, schildert er, sondern der Wunsch, vorher noch alles zu regeln. Ihm fiel ein, dass er kein Testament gemacht hatte. Er kramte in seiner Tasche. Einen Stift fand er schnell, aber kein Stück Papier. Also habe er, er sagt das kichernd, seinen letzten Willen auf die letze Seite von Juli Zeh’s Treideln gekritzelt, das hatte er noch in der Tasche, er hatte es ein paar Stunden vorher ausgelesen. Später habe er es dem Arzt gegeben, mit der Bitte, es zu seinen Akte zu legen. Nur für den Fall, dass.

#42

Ich sitze am Kaffeetisch mit meinen Freunden und kaue Schokostreuselkuchen, mein zweites Stück. Die Freundin lobt das feine Aroma des Kaffees, der Freund nickt anerkennend ob ihres feinen Geschmackssinns und erklärt, dass dies sehr wertvoller Kaffee von Java oder aus Kuba oder Ich-habe-schon-wieder-vergessen-woher sei. Von dessen anregender Wirkung auf das Herz kommt das Gespräch auf die Frage, welcher der beste Kardiologe der Stadt sei und welche Tricks es gäbe, vor nächstem Jahr Oktober einen Termin dort zu ergattern. Das Herz müsse mal gründlich untersucht werden, ist man sich einig, und auch ich stimme zu und ergänze noch, dass das unhöfliche, unfreundliche Gebaren des bisherigen Kardiologen eine Frechheit sei. Anschließend wird über Berufsunfähigkeitszusatzversicherungen gesprochen und die Risiken nicht abgedeckter Risiken. Einige Augenblicke halte ich meinen unruhigen Geist mit der Frage in Schach, was denn eigentlich mein Beruf sei. Dann setzt er mich matt und zwingt mein achtjähriges Selbst an den Tisch, das nun gelangweilt mit den Füßen über dem Boden baumelnd ermüdenden Erwachsenengesprächen zuhören muss. Als der Junge mich flehentlich ansieht und bettelt, ihm zu versprechen, dass wir niemals so werden, gebe ich ihm einen Keks und schenke Mangosaft nach.

#41

Ich liebe meine Hündin sehr, aber mit dieser Bernsteinkette sieht sie wie eine von den voluminösen, mittelalten Damen aus, die ihre feuerroten kurzen Haare mit riesigem extravaganten Schmuck im Dekolletee kombinieren.

Der Bernstein schützt vor Parasiten, sagst du, und weil du derjenige warst, der seine Freizeit in der letzten Woche mit der Reinigung sämtlicher Heimtextilien verbracht hat, erlaube ich mir keinen Widerspruch. Du argumentierst vorsichtshalber trotzdem: Der grobe Bernstein wird mit der Zeit vom Fell glatt geschliffen. Erstens wird dadurch das Fell elektrostatisch aufgeladen, was den Flöhen nicht gefällt und zweitens breitet sich so eine feine Harzschicht im Fell aus, die jene Flöhe, welche sich vor leichten Elektroschocks nicht fürchten, einfach austrocknet. Weil ich die Lippen schürze und die Augenbrauen zusammenschiebe, befielst du mir, gefälligst die Kundenrezensionen zum Halsband zu lesen: Zehnmal fünf Sterne.

Unser Hund ist acht geworden und zwar ohne Bernstein und ohne Flöhe, denke ich, aber weil mir der Gedanke gefällt, dass das Fell unserer Hündin künftig Bernstein schleift, sage ich: Ich sag ja nix.

#40

Ich drücke Markus immer, aber heute muss ich ihn auf seine stachlige Wange küssen. Die Maschine über ihm fängt sofort an gelb zu blinken, als ich ihn berühre, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig. Wenigstens klingelpiept sie nicht, andernfalls hätte ich offenen Streit mit ihr.

Ich erkläre Markus, wie er dieses Tablet bedienen muss um an meine eBooks zu kommen, dass er Tschick. zuerst lesen muss und wo der Stecker zum Aufladen hinkommt. Markus erklärt mir, was ein Herzkatheder ist, und dass man dadurch winzige Röhrchen aus geflochtenem Draht in Blutgefäße fädeln kann, um sie dort zu stabilisierenden Tunneln aufzublasen. Ich frage ihn, was er für Sachen macht, er weist mich daraufhin, wie seine Mutter zu klingen. Wir lachen.

Als wir wieder ernst sind sprechen wir über die Angst vor der Angst und die künftige Notwendigkeit der Vermeidung von Alleinesein. Herrndorf lehrt, setze ich an – und wäre mir eine harmlosere Fortführung des Satzes eingefallen, hätte ich sie gesprochen, aber so musste ich das sagen, was ich dachte, nämlich – Herrndorf lehrt, der Feind der Angst ist nicht allein Gesellschaft, sondern vor allem Arbeit und Struktur. Dann schweigen wir ein bisschen und hören den anderen Patienten im Zimmer beim Schnarchen zu.

#39

Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht „Hey Markus!“ zu rufen, als ich Markus‘ Wohnung betrete. Ich versuche zu überschlagen, wie oft ich in den letzten zehn Jahren Markus‘ Wohnung betreten und „Hey Markus!“ gerufen habe, aber als die Zahl dreistellig wird, gebe ich auf. Markus hat die Angewohnheit, die Wohnungstür schon anzulehnen, wenn er den Türöffner der Haustür betätigt, so dass es nichts Ungewöhnliches für mich ist, in seine Wohnung zu gehen und ihn nicht sofort zu sehen und nicht sofort zu wissen, wo er ist. Heute weiß ich, warum ich ihn nicht sehe: Er ist nicht hier. Und heute rufe ich nicht, denn in seinem Krankenbett kann er mich nicht hören.

Er hat mir eine Liste geschrieben, mit Dingen, die er braucht: Zahnbürste, Rasierer, Unterhosen, Deo, Zeug. Ich gehe zu seinem Schreibtisch, sichere seine Dokumente und fahre seinen Rechner runter. Der gestern frisch gepresste Orangensaft neben dem Laptop ist ein Eintagsfliegenmassengrab, ich schütte ihn weg. Den Kaffee, schütte ich auch weg. Ich durchsuche Schubladen, in der Hoffnung seine Ersatzschlüssel zu finden. Ich laufe alle Steckdosen ab, auf der Suche nach seinem Handyladegerät. Ich gehe pinkeln, weil es mich beruhigt, irgendetwas hier wie immer zu machen.

Ich habe allen erzählt, Markus hätte eine fabelhafte Wohnung. Ich hielt Markus‘ Wohnung für fabelhaft, weil es mir immer gut ging hier. Heute ist nichts wie immer und manches nicht mehr wie vorher. Eine Wohnung ist eine Wohnung. Ich leere den Briefkasten und bringe den Müll raus.

#38

Ich drücke den kleinen Edelstahlknopf und höre über den Lautsprecher, wie eine Telefonverbindung aufgebaut wird. Ich erkläre wer ich bin, wer Markus ist und seit wann er hier ist, und dass ich zu ihm muss, damit er mir seinen Wohnungsschlüssel geben kann, damit ich in seine Wohnung kann, damit ich ihm ein paar Sachen hole, damit er hier ein paar Sachen hat. Die Schwester fast zusammen, dass ich also jemanden besuchen wolle und ich schüttle den Kopf, sage aber ja. Sie legt auf, ich warte.

Die Tür öffnet sich, eine Schwester tritt heraus. Ich denke, sie will mich abholen, sie denkt, dass ich hier falsch bin, ich überzeuge sie mühsam vom Gegenteil. Eine zweite Schwester tritt heraus und holt mich ab. Am Tresen übergibt sie mich einer dritten Schwester, die will noch schnell einen Satz zu Ende schreiben. Die Maschinen auf Intensivstationen piepen heutzutage nicht mehr, sie klingeln. Ein albern künstlich altmodisches Elektronikklingeln, das so aufdringlich angenehm sein möchte, dass fast zynisch ist. Die dritte Schwester führt mich zu Markus‘ Zimmer, aber die Tür zu Markus Zimmer ist zu. Sie bittet mich, hier zu warten, nein nicht hier, bitte noch einen Schritt zur Wand. Das ist ein Operationsbereich, sie dürfen hier eigentlich nicht stehen, verstehen sie. Eine vierte Schwester kommt und sagt mir, dass sich Schwester drei leider geirrt habe und ich hier tatsächlich keinesfalls stehen dürfe, dass sei nämlich ein Operationsbereich, aber dort hinter der Automatiktür könne ich warten.

Es ist offenbar erlaubt, hinter der Automatiktür zu stehen, aber es ist leider nicht möglich. Die Tür öffnet und schließt sich permanent und knallt mir gegen die Schulter. Ich trete einen Schritt zurück und stehe auf der Schwelle zu einem Krankenzimmer in dem unter Masken und Schläuchen zwei Menschen elektronisch beklingelt werden. Eine fünfte Schwester kommt aus dem Zimmer auf mich zu und fragt mich, wer ich bin und was ich hier wolle. Ich bin erleichtert, als Schwester drei wieder auftaucht und mich endlich zu Markus führt. Markus lacht und freut sich, als er mich sieht, und ich freue mich, als er mich anlacht und bin erleichtert.

#37

Es ist keine Fügung, höchstens Zufall und zwar ein lausiger, denn ich habe nachgeholfen. Andauernd berichtet Herrndorf in „Arbeit und Struktur“ vom Schwimmen im Plötzensee und weil der gar nicht weit von mir ist, will ich ihn wenigstens mal sehen an diesem übertrieben schönen Herbsttag. Zum Schwimmen ist mir längst zu kalt. Ich muss zwei Stadtautobahnen passieren und denke, so hässlich wie der Weg zu ihm ist, können der Plötzensee und ich niemals Freunde werden. Werden wir dann aber doch, denn im Biergarten am Ufer ist „Absaufen“ wegen Saisonende, also alles billig. Zuhause lese ich „Arbeit und Struktur“ fertig und schaudere. Als ich mich auf dem Heimweg verlaufen habe, passierte ich genau die Stelle, an der sich Herrndorf im letzten Jahr erschoss. Mir schnürt es den Hals zu, aber nicht wegen magischen Denkens oder weil ich mich Herrndorf, den ich niemals traf, plötzlich so nah fühle. Wie ihn erschreckt mich, wie egal alles ist, wenn man einen Schritt zurück tritt.

#36

Ich komme aus der Dusche und ich spüre noch die Hitze. Jene, die ich mir minutenlang in den Nacken habe prasseln lassen und auch jene, die wir vorher ineinander erzeugt haben, durch Reibung wahrscheinlich. Ich greife zu meinem Telefon, weil ich immer als nächstes zu meinem Telefon greife, und während ich den Luftzug genieße, den die Nacht vom offenen Fenster her ins Zimmer schickt, bekomme ich Gänsehaut. Mit dem Luftzug hat die aber nichts zu tun. Ich habe neun SMS und zwei Anrufe. Meine Mailbox ist aus, die SMS sind unverständlich. Richtiggeschrieben sind die Worte „Notaufnahme“, „Herzsache“ und „morgen Sachen aus meiner Wohnung holen“.  Er steht auf und kommt zu mir. „Bist du okay?“, fragt er, ich muss kreidebleich sein. „Markus ist im Krankenhaus!“ sage ich und er fragt „Wer ist Markus?“. Natürlich, er kennt Markus nicht, er kennt ja mich kaum, ich winke ab. Ich wähle Markus‘ Nummer, Markus drückt mich weg. „ITS“, schreibt er per SMS. „Was zum Teufel?“, antworte ich. „Intensivstation. Handyverbot. Kommst du morgen?“ Verdammt: Ja. Verdammt: Ich hätte jetzt da sein sollen.

#35

„Sehen Sie nur! Sehen Sie nur!“, flüstert die Frau in mein Ohr, nachdem ich meine Kopfhörer abgesetzt habe. Ich reibe mir die Augen und brauche eine Sekunde um zu realisieren, wo ich bin (im ICE irgendwo bei Wittenberg) und wann jetzt ist (Freitagnachmittag auf dem Weg nach Hause). Ich starre die Frau an (kurze, gelockte, dunkelblonde Haare, Brille mit Goldrahmen, Lippenstift in koralle) und erwarte eine Erklärung dafür, warum sie mich so unvermittelt auf freier Strecke weckt (Pieksefinger, Schulter).  „Was denn los?“, frage ich mit vom Schlaf belegter Stimme, woraufhin die Frau ihren Pieksefinger mit gleichem Eifer gegen das Zugfenster richtet. „Wow!“, entfährt es mir, als ich den kräftigen doppelten Regenbogen sehe, der irgendwo über dem Zug aus dem Himmel fährt und mitten in einem Dorf entlang der Bahnstrecke sein Ende findet. „Das dürfen Sie doch nicht verpassen!“, sagt die Frau entschuldigend. „Nein. Ja. Danke. Wahnsinn.“, sage ich. Ich bin immer noch sehr verschlafen. „Ich sage auch danke.“, erklärt die Frau. „Ich sage ‚Danke Natur'“, fügt sie an. Und während wir im Bauch des Schienenfahrzeugs mit 160 Kilometern pro Stunde in die Hauptstadt schießen, sind wir in den folgenden Minuten gemeinsam ein bisschen traurig darüber, wie sehr sich unser grauer Alltag von seinem regenbogenfarbenen Ursprung entfernt hat.