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#69 (wieder anfangen)

Je länger ich nicht geschrieben habe, umso schwerer ist es wieder anzufangen. Ich denke dann: Wenn du so lange ohne zu Schreiben gelebt hast, wie wichtig kann es dann sein? Ist dein Impuls, jetzt wieder anzufangen mehr als Sentimentalität und ein bisschen Geltungsbedürfnis? Und wenn du jetzt wieder anfängst, wie lange schreibst du dann? Du hast schon so oft wieder angefangen. Lohnt sich das? Und muss sich das lohnen? Und wenn du doch eigentlich schreiben willst, warum hörst du wieder und wieder damit auf?

Ich habe vorhin vom Schwimmen geträumt. Es war Nacht. Ich befand mich im dunklen Wasser eines breiten Flusses. Kein Ort eigentlich, aber vielleicht ungefähr so wie die Havel bei Eiswerder. Es muss sich um die Nacht zu einem heißen Tag gehandelt haben, denn wenn mein Kopf unter Wasser geriet, bestand der einzige Unterschied in der plötzlichen Tiefe der Geräusche, nicht aber der Temperatur. Die Strömung war stark, so dass ich wie von selbst vorankam. Schwierig war, nicht ständig unterzugehen. Angst hatte ich keine, aber ich versuchte immer den Kopf so weit wie möglich aus dem Wasser zu recken. Erstens um in Ruhe zu atmen und zweitens um die paar Lichter da am Ufer mit irgendetwas abzugleichen, das ich kannte um endlich zu kapieren wo ich war und wo es hin ging.

Es gibt diese Stellen mit starken Strömungen, dort treibt man. Und dann gibt es die Stellen an denen man schwimmt, weil das Wasser ruhig ist. Ich glaube, nur dort schreibe ich.

 

 

#67 (Phänomenologie)

Das soll doch ein Roman sein, denke ich, noch dazu ein guter, warum muss ich mich dann durch seitenweise Abhandlungen über Phänomenologie quälen und Worte wie Schisma und Apprehension aushalten, obwohl man die Dinge doch viel einfacher beschreiben könnte – pardon – kann. Ich schließe die Augen, auch weil mich die Sonne blendet und muss trotz allen Anspruchs an mich und das intellektuelle Training, das mit der Lektüre dieses Buches verbunden ist einsehen, dass meine Augen gern geschlossen bleiben wollen. Ich lege das Buch beiseite und ziehe mein T-Shirt aus. Ich knülle es zu einem Kissen zusammen und lass mich langsam zu Seite kippen. Ich falte mich ein bisschen und liege schließlich nur noch mit Unterhosen bekleidet auf der Bank auf unserem Balkon. Ich werde kurz wach, weil ich denke, mir hättest du mir die Hand auf die Wange gelegt, aber es ist nur die Sonne. Ich bin kurz versucht, die Augen zu öffnen, um mich zu vergewissern, dass es wirklich das Rauschen in den Kronen der Bäume ist und kein Meer, an das ich mich so lebhaft erinnere, dass ich es zu hören glaube. Ich muss beinahe kichern, als mir die erste Böe des Windes über die nackten Beine fährt und mich kitzelt. Ich weiß nicht, wann ich mir zuletzt Zeit genommen habe, Wind so zu spüren. Er ist impulsiv heute, aber sanft. Chaotisch, aber warm. Er ist klar, aber er riecht nach Sommer. Mir ist, als würde ich am Strand im flachen Wasser liegen, wo mich die Wellen immer wieder überspülen, fast zärtlich. Ich überlege, wie ich dir nachher davon erzählen kann und staune, wie schwer das ist. Phänomenologen wollen die Dinge so beschreiben, wie sie sind. Aber ich vergleiche. Alle vergleichen. Nur: Der Wind auf meiner Haut ist der Wind auf meiner Haut und das Meer ist das Meer. Ich stehe auf, um den Platz frei zu machen für dich. Ich weiß nicht, ob sich der Wind auf deiner Haut genauso anfühlt wie auf meiner. Aber hoffentlich so ähnlich.

#58

Kein Traum: Ich nehme ein Paar zum Knäul zusammengrollte Socken aus dem Schrank, ich habe kalte Füße. Ich ziehe meine Socken an und denke: Irgendetwas stimmt nicht. Es ist, als klebe ein Fetzen Tesa zwischen meinem rechten großen Zeh und seinem Nachbarn. Ich ziehe meine rechte Socke aus und greife hinein. Ich berühre etwas, aber ich kriege es nicht zu fassen, immer wieder entgleitet es mir. Es ist, als würde es zwischen meinen Fingern davon springen. Ich ziehe meine Hand aus der Socke und lege die Socke flach auf den Tisch. Nichts bewegt sich. Ich lege meine Hand auf die Socke. Nichts bewegt sich. Ich traue mich nicht, nochmal hineinzugreifen. Langsam kremple ich die Socke von innen nach außen. Ein paar Fusseln, ein Fadenzieher, nichts besonderes. Nur noch zwei Zentimeter zu krempeln, nur noch die Spitze für den großen Zeh. Es flattert, es brummt, es knallt mir gegen die Stirn. Ich schreie. Ein großer dunkler Falter dreht seine Runden im Zimmer, knallt gegen die Lampe, knallt gegen die Wand, fängt sich, dreht noch ein paar Runden, verschwindet hinter dem Schrank.

Was los ist willst du wissen, als du erschrocken ins Zimmer stürzt, du hast mich schreien gehört. Hepp, heben wir den Schrank von der Wand. Dahinter kein Falter. Aber auch kein Traum. Ich schwöre.

#57

Wir wachen auf. Wir sehen uns an. Du bist okay, ich bin okay, aber das ist kein Bett. Wir stehen auf. Ich bemerke die Gleichzeitigkeit, des Aufwachens, des Aufstehens, ich bemerke, dass du sie bemerkst, aber ich sage nichts, was soll ich schon sagen, du sagst ja auch nichts, warum auch. Unter uns gelbe Erde, wie Staub, trocken aber fest. Um uns dornige Sträucher, mannshoch, dicht. Ich schlage dir den Staub vom Rücken, dann du mir, du hustest. Wir gehen los, wir schlurfen in Sandalen, das muss ein Traum sein, denke ich, niemals würden wir solche Sandalen tragen. Über unsere Richtung sprechen wir nicht, unsere Richtung verhandelt der Abstand zwischen unseren Schultern mit unserem Abstand zu den Dornenbüschen, wir fügen uns. Dafür also sind Augenbrauen da denkst du, als du mich ansiehst und die glänzenden Tropfen auf meiner Stirn bemerkst, mit dem Unterarm wische ich sie beiseite. Dafür also hat unserer Auge die Iris, denke ich als ich dich ansehe, damit wir die Sonne aus uns aus-sperren können, wenn sie so nervt wie jetzt. Du drehst dich um und prüfst, ob wir vielleicht Taschen liegen lassen haben könnten, da hinten irgendwo, ich habe auch Durst, aber da ist nichts. Unsere Schatten sind nicht mehr unter uns, sie haben sich vor uns gelegt und versprechen einen Abend. Diese Aus-sicht auf Abkühlung macht uns übermütig, wir spielen Schattenhasche, das geht besser ohne Sandalen, ich will deinem Schatten ja nicht wehtun. Als ich wieder aufsehe, bist du stehengeblieben und deutest mit einem Daumen leicht hinter dich. Da erhebt sich ein weicher Hügel aus der Ebene, wir stehen offen-bar an seiner Vorderseite, denn da ist eine Tür. Du umfasst einen Knauf, ich umfasse einen Knauf, das Metall ist warm, uns ist heiß, wir öffnen die Tür und treten ein. Wir sind in einem Hamam, von irgendwo spielt Musik, es ist düster, es ist voller Dampf, vor allem aber ist es kühl. Wir legen die stinkenden Sachen ab und legen uns Handtücher um die Hüften, weich, weiß, dick. Wir pulen den Sand zwischen unseren Zehen hervor und schlüpfen in die bereitstehenden Schlappen. Wir trotten in den Hauptsaal des Bades, er ist rund, in der Mitte ist eine Säule, an ihrem oberen Ende tritt in alle Richtungen der schwere weiße Dampf aus, auf Hüfthöhe ist sie von einem breiten Becken umgeben, es sieht aus, als trüge sie einen Rock. Das Becken ist mit kaltem Wasser gefüllt, wir trinken, wir erfrischen uns. Ich mache mir die Haare nass und frisiere mich ein bisschen, du lachst. Gegenüber der Tür, durch die wir kamen liegt eine weitere Tür. Sie führt uns in die Lobby eines Flughafens. Auf der Abflugtafel steht als nächstes eine Maschine nach Istanbul. „Nehmen wir, oder?“, frage ich. „Klar.“, sagst du.

Ich wache auf. Wusste ich doch mit den Sandalen, murmele ich. Du bist nicht da. Aber wir müssen doch jetzt buchen.

#55

Ich bin vertieft in meine Arbeit, ich arbeite in Excel, irgendwas mit Zahlen, mein Nacken schmerzt. Plötzlich stehen zwei Herren in dunklen Anzügen hinter mir. Sie tragen je einen Aktenkoffer und fragen, ob ich ich sei. Meine Chefin hebt die Augenbrauen, als ich mir mit der Antwort zuviel Zeit lasse, schließlich antworte ich: Ich? Äh, ja. Ob ich ein paar Minuten hätte, fragen sie, unter sechs Augen, bitten sie, am besten in einem Separee, ich verstünde schon .

Als ich die Tür hinter ihnen und mir schließe, streckt mir einer beide Hände zum Gruß entgegen, während der andere anfängt, meine Schulter zu tätscheln. Sie möchten mich beglückwünschen, sagen sie, heute sei mein Glückstag, ich solle mich lieber setzen. Ich setze mich. Sie bleiben stehen und knallen die beiden Koffer vor mich auf den Tisch, ich zucke zusammen. Ob ich mich an das Los erinnern könne, dass ich gekauft hätte, im Zeitschriftenladen am Bahnhof, letzten Dienstag gegen drei. Ich starre auf den kleinen Riss im Deckenputz, während ich überlege. Hm-hm, mache ich dann. Nun, dieses Los hätte gewonnen, und zwar den Jackpot, es hätte alles seine Richtigkeit, die beiden Herren hätten das mehrmals geprüft.
Irritiert suche ich nach einem Lächeln in den Gesichtern der Männer, aber da ist keins. Ich will mich vergewissern, dass das kein Scherz ist, aber statt einer Antwort höre ich nur: Klack-klack. Die Koffer werden geöffnet: Scheine, Münzen, Schmuck, Aktien, eine Lebensversicherungspolice, Edelsteine. Ich fange an zu Lachen. Die Herren machen ernste Gesichter und schieben die beiden Koffer zu mir herüber. Alles für Sie. Alles für mich? Sie nicken. Ich fange an, mich zu freuen.

Ich springe auf um meinen Kollegen zu erzählen, was passiert ist. Die Herren versuchen, mich aufzuhalten, aber es gelingt ihnen nicht. Meine Kollegen und ich liegen uns in den Armen: Wir freuen uns.

Als ich den Raum wieder betrete, um die beiden Koffer zu holen, machen die Herren noch finstere Minen als vorher. Ich frage, was sie nur haben und sie fragen zurück, wie ich mir denn vorstelle, die Koffer nach Hause zu bekommen. Ich sei nur mit dem Fahrrad, das hätte nicht einmal einen Gepäckträger. Nachdem nun aber alle meine Kollegen Bescheid wüssten, könnte ich die Koffer ja aber keinesfalls über Nacht hier lassen. Das Rad allerdings auch nicht, nicht in diesem Viertel. Tja, das hätte ich mir besser überlegen sollen, sagen sie. Von der offenen Tür her drängen meine Kollegen in den Raum.

Dann wache ich auf.

#54

Die Luft schmeckt salzig, wir müssen am Meer sein. Das Wasser aber ist nirgends zu sehen. Wir laufen durch eine Dünenlandschaft, kniehohes Schilfgras und niedrige Sanddornbüsche wechseln sich mit Sandflächen ab. Es ist windig, aber nicht kalt, sonnig, aber nicht wolkenlos; einer dieser seltenen Tage im April. Wir sind gutgelaunt, obwohl wir es eilig haben. Vielleicht müssen wir zu einer Feier, vielleicht wollen wir den Ausflugsdampfer nicht verpassen. Der Pfad, den wir gehen ist schmal. Ständig kommen uns andere Passanten entgegen. Ich achte nicht auf den Weg und stolpere andauernd. Du fängst an, dich darüber lustig zu machen.

Also lege ich erst meinen rechten Fuß auf mein linkes Knie und dann meinen linken auf das rechte. Ich schwanke ein bisschen, aber schon bald sitze ich sicher im Schneidersitz in der Luft. Ich schwebe den Weg entlang, anstatt ihn zu gehen. Du lachst herzhaft und ich zucke grinsend mit den Schultern. Wir wissen beide, dass sich das nicht gehört, aber in unserem Übermut kümmert uns das nicht.

Die Menschen, die uns begegnen, bringen wir zum Lachen. Du gibst mir einen Schubs in den Rücken und ich drohe tatsächlich für einige Sekunden vornüber zu kippen, rudere wild mit den Armen und fange mich wieder. Du drückst mich an den Schultern nach unten, um mich dann wieder nach oben schnellen zu lassen. Du legst mir den Arm in den Nacken, damit die entgegenkommenden Spaziergänger denken, du würdest mich am Schlafittchen durchs Land schleppen.

Auf einmal kommen uns zwei junge Buddhisten entgegen. Sie tragen rote Mönchsgewänder mit orangefarbenen Säumen und nackte Füße in ihren Schweinsledersandaletten. Ich erschrecke, als ich sie sehe. Ich bin peinlich berührt. Die müssen sich doch verarscht vorkommen, denke ich, wenn sie sehen, dass ich das, wofür sie ihr ganzes Leben lang meditieren, hier einfach so zum Spaß aufführe: Das freie Schweben von A nach B. Die Mönche lächeln und nicken anerkennend, als sie uns passieren.